20. Juni 1977 – Manfred Krug verlässt die DDR

Manfred Krug verlässt die DDR

Stichtag

20. Juni 1977 – Manfred Krug verlässt die DDR

Am Tag des Mauerbaus besucht Manfred Krug Mutter und Großmutter in Duisburg, seiner Heimatstadt. "Ich war unverheiratet, kinderlos, mit meiner ganzen Habe, meinem Wartburg und dem Tonbandgerät im Kofferraum nach Duisburg gefahren. Und ich bin pünktlich, als dieser Reisetermin vorbei war, in meine geliebte, schöne Deutsche Demokratische Republik gefahren, die noch alle Chancen hatte, ein sehr achtbarer Staat zu werden, wenn vielleicht nicht alle Leute abhauen", sagt er. 1949 war er als 12-Jähriger mit seinem Vater, einem Eisenhütteningenieur, in die soeben gegründete DDR gezogen – und aus politischer Überzeugung geblieben. Krug erklärt: "Ich hab mich all die Jahre als jemand gefühlt, der ganz bewusst und nicht rein zufällig an dem Versuch teilnimmt, eine neue Gesellschaftsordnung in Deutschland aufzubauen."

Villa mit Marmorbad und Oldtimer-Fuhrpark in der DDR

Nach ersten Schritten am Theater tritt Krug in vielen Kino- und Fernsehfilmen auf, fast immer in Hauptrollen. Auch singt er mehrere Jazz- und Chansonplatten ein. Drei Mal wird er als Publikumsliebling der DDR ausgezeichnet, einmal vom Staatsratvorsitzenden Walter Ulbricht persönlich. Er erhält den Nationalpreis, den Heinrich-Greif-Preis, den Goldenen Lorbeer des Fernsehens und die Verdienstmedaille der DDR. Er lebt wie ein Star: 800 Ostmark Tagesgage - ein Industriearbeiter erhielt 1.110 Mark Bruttolohn im Monat - , stattliche Villa in Berlin-Pankow mit Marmorbad und Wintergarten, Oldtimer-Fuhrpark. Als das Politbüro 1976 dem Liedermacher Wolf Biermann nach seinem Kölner Konzert die Wiedereinreise verweigert, setzen zwölf namhafte Schriftsteller der DDR, darunter Christa Wolf, Stefan Heym und Heiner Müller, einen offenen Brief auf. Über hundert Künstler unterschreiben, auch Manfred Krug. Ihn schmerzt die Ausbürgerung Biermanns auch persönlich. "Ich war sein Freund, er war mein Freund. Ich hatte damals ganz früh ein Stereotonbandgerät der Marke Grundig, das ich vor dem Bau der Mauer unter dem Sitz der S-Bahn in den Osten geschmuggelt hatte. Und ich nahm mit dem Stereomikrofon seine Lieder auf. Wir waren ein Herz und eine Seele", sagt Krug.

Im November 1976 verstummt das Telefon

In seinem Buch "Abgehauen" beschreibt er die Folgen seines Handelns: "Über 60 Filme und Fernsehfilme habe ich gemacht, nur die Hauptrollen gerechnet. Und ein Dutzend Langspielplatten. Alles in 20 Jahren. Das Telefon ging den ganzen Tag. Im November `76 verstummte der Apparat." Fest zugesagte Konzerte, Fernsehrollen und Plattenproduktionen werden abgesagt, rufschädigende Gerüchte, er sei ein Verräter, gestreut. Nach fünf qualvollen Monaten ohne Engagement sieht der erfolgsverwöhnte Krug nur einen Ausweg, den Antrag auf Ausreise aus der DDR.

Ein baumstarker Mann weint

Am 20. Juni 1977 überquert der 1,90 Meter große Manfred Krug den Grenzübergang von Ost- nach West-Berlin und schluchzt. "Da weine ich und ehe so ein wunderbarer, baumstarker Mann wie ich weint, muss schon was passieren", sagt er. In Westdeutschland knüpft er an seine Erfolge an, spielt einige der beliebtesten Fernsehfiguren: Tatort-Kommissar Paul Stoever, Rechtsanwalt Liebling in "Liebling Kreuzberg" und den LKW-Fahrer Meersdonk in der ARD-Serie "Auf Achse". Er resümiert: "Später wurde mir klar, ich war dem Biermann dankbar, dass er mir eine Begründung geliefert hat, zu sagen: Nö, wenn Ihr den rausschmeißt, dann gehe ich auch! War ja ein unheimlicher Ruck, den man sich geben musste."

Stand: 20.06.2012

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