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13. Oktober 1821 - Der Mediziner und Politiker Rudolf Virchow wird geboren

Porträt Rudolf Virchow, kolorierter Stich

13. Oktober 1821 - Der Mediziner und Politiker Rudolf Virchow wird geboren

Thrombose, Embolie und Leukämie: diese Begriffe sind von Rudolf Virchow ebenso geprägt worden wie Kunstfehler und Kulturkampf. 60 Jahre lang hat der Gelehrte unermüdlich geforscht. Als Mediziner hat er die moderne Pathologie und die Sozialhygiene begründet. Als Politiker kämpft Virchow energisch für soziale Reformen in Preußen.

Rudolf Virchow, Mediziner (Geburtstag, 13.10.1821)

WDR ZeitZeichen 13.10.2021 14:52 Min. Verfügbar bis 14.10.2099 WDR 5


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In seiner ersten Rede in Berlin nimmt Rudolf Virchow kein Blatt vor den Mund: "Die Medizin von 1795 existiert nicht mehr", erklärt der 23-Jährige in seiner Festansprache 1845 zum 50. Geburtstag des Friedrich-Wilhelm-Instituts – jener Akademie, an der er gerade seine Ausbildung zum Militärarzt absolviert hat. "Die große Frage der ärztlichen Gegenwart", kontert Virchow empörte Stimmen, "ist die Einigung der Medizin mit den übrigen Naturwissenschaften."

Am 13. Oktober 1821 in Hinterpommern geboren, gibt Virchow bereits mit 24 Jahren Privatvorlesungen. Er arbeitet als Arzt in der Charité und entdeckt bei mikroskopischen Forschungen die Ursachen des Blutkrebses, den er Leukämie nennt. Das Jahr 1848 beschreibt Rudolf Virchow als sein "Schlüsselerlebnis". Im Auftrag der preußischen Regierung soll er Mittel zum Kampf gegen eine seit Monaten in Oberschlesien grassierende Typhusseuche finden.

Kämpfer auf den Barrikaden

Virchow kommt in eine völlig ausgezehrte Provinz mit hungernden und verwahrlosten Menschen. Ärztliche Kunst allein kann nicht mehr helfen, nur bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen, erkennt er und schreibt nach Berlin: "Was soll man von einem Volk erwarten, das seit Jahrhunderten in so tiefem Elend um seine Existenz kämpft". Nie habe es eine Zeit gesehen, "wo seine Arbeit ihm zu Gute kam, das die Frucht des Schweißes immer nur in die Säckel der Grundherrschaft fallen sah."

Noch vor Virchows Rückkehr bricht in Berlin die Revolution aus. Der junge Arzt beteiligt sich am Barrikadenbau und schließt sich den radikalen Forderungen nach Demokratie an. Sein offizieller Bericht über die Lage in Oberschlesien wird zur Anklage gegen Preußens Regierung. Die Lösung könne nur lauten: Bildung, Freiheit, Wohlstand und unumschränkte Demokratie.

Jede Zelle kommt aus einer Zelle

Nach dem gescheiterten Aufstand verliert Virchow seine Anstellung und seine Wohnung. Er fällt in ein tiefes Loch, hat Suizidgedanken. Schließlich rettet ihn die Berufung als Professor an die Würzburger Universität aus der verfahrenen Lage. Dort gelingt Virchow jene Leistung, die seinen Weltruhm begründet.

Er entwickelt die "Zellularpathologie", die mit der uralten Theorie von den Säften als Krankheitsursache aufräumt. "Jede Zelle kommt aus einer Zelle" lautet Virchows These; Krankheiten beruhen demnach auf einer Störung der Körperzellen und ihrer Funktionen. Mit dieser Entdeckung schafft Rudolf Virchow die Grundlagen der modernen Pathologie.

Umgeben von Skeletten steht der Mediziner Rudolf Virchow in seinem Arbeitszimmer in Berlin.

Virchow mit Präparaten in seinem Arbeitszimmer in der Charité

Virchow gründet Zeitschriften, reist zu internationalen Kongressen und hält wegweisende Vorträge. 1856 holt die preußische Regierung den berühmten Professor zurück nach Berlin. Er erhält einen Lehrstuhl für Pathologie und wird Direktor des für ihn geschaffenen Pathologischen Instituts. Auch politisch mischt sich Virchow wieder ein und engagiert sich auf Seiten der Liberalen für drastische Reformen.

Von Bismarck zum Duell gefordert

Als Mitglied der Stadtverordnetenversammlung führt Rudolf Virchow Hygienemaßnahmen in Schlachthöfen und Markthallen ein und sorgt für den Bau einer Abwasserentsorgung im rasant wachsenden Berlin. 1861 ist er Mitgründer der Deutschen Fortschrittspartei, für die er ins Preußische Abgeordnetenhaus und ab 1871 in den Reichstag einzieht.

Virchows scharfe Zunge ist gefürchtet, als bekennender Agnostiker prägt er den Begriff Kulturkampf für die Befreiung der Kultur vom Einfluss der Kirche. Mehrfach gerät er mit Otto von Bismarck in heftigen Streit. Als ihn der erboste Reichskanzler sogar zum Duell fordert, lehnt Virchow dies als "unzeitgemäße Art der Diskussion" ab.

Unermüdlich in seiner Arbeit wendet sich Rudolf Virchow in seiner zweiten Lebenshälfte verstärkt der Anthropologie und Prähistorie zu. Er vervollständigt seinen immensen Fundus an Präparaten, der mit mehr als 23.000 Stück zur weltweit größten pathologischen Sammlung wächst. Im Januar 1902 zieht sich der Achtzigjährige beim Sprung aus einer Straßenbahn einen komplizierten Bruch zu. Von den Folgen erholt sich Rudolf Virchow nicht mehr. Am 5. September 1902 stirbt der gro0e Gelehrte; viele Tausende geben ihm das letzte Geleit.

Autorin des Hörfunkbeitrags: Heide Soltau
Redaktion: Hildegard Schulte

Programmtipps:

"ZeitZeichen" auf WDR 5 (9.45 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 13. Oktober 2021 an Rudolf Virchow. Das "ZeitZeichen" gibt es auch als Podcast.

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