Experiment: Vier-Tage-Woche für Deutschland

Verfügbar bis 21.09.2025 Von Raphael Markert

Vier-Tage-Woche: Teilnehmer für Pilotprojekt gesucht

Stand: 21.09.2023, 18:57 Uhr

Vier Tage arbeiten - mit vollem Gehalt. Kann das funktionieren? Mit einem Pilotprojekt soll das jetzt wissenschaftlich ausgelotet werden. Arbeitgeber, die freiwillig teilnehmen möchten, können sich seit Donnerstag bewerben.

Top oder Flop? Die Vier-Tage-Woche ist ein Projekt, an dem sich die Geister scheiden. Konkret geht es um die Formel 100-80-100, also: 100 Prozent Leistung in 80 Prozent der Zeit bei 100 Prozent Bezahlung. Ob das machbar ist, soll in dem Pilotprojekt über sechs Monate getestet und die Umstellung wissenschaftlich ausgewertet werden.

"Unser Wunsch ist, dass wir mit der Studie dazu beitragen können, eben weniger nach Gefühlen zu entscheiden, ob das jetzt gut oder schlecht ist", sagt Carsten Meier, Mitgründer von Intraprenör, dem WDR. Die Firma mit Sitz in Berlin organisiert das Projekt in Deutschland gemeinsam mit der Organisation 4 Day Week Global. Die Nichtregierungsorganisation hat solche Studien bereits in anderen Ländern initiiert, unter anderem ein viel beachtetes Projekt in Großbritannien. Dort wollen übrigens die meisten der teilnehmenden Arbeitgeber die Vier-Tage-Woche beibehalten.

In NRW setzen Firmen aus verschiedenen Branchen auf die Vier-Tage-Woche

Ausprobieren statt nur in der Theorie darüber zu reden - darum geht es den Initiatoren zur Machbarkeit einer Vier-Tage-Woche in Deutschland. "Bestenfalls erkennen wir, dass das Vorteile hat in gewissen Branchen, dass dadurch sich die Zusammenarbeit im Team verbessert", sagt Meier. Und dass eine Vier-Tage-Woche auch der Gesundheit und der Work-Life-Balance von Mitarbeitenden zu Gute komme.

In NRW gibt es schon Firmen aus mehreren Branchen, die die Vier-Tage-Woche ausprobieren. Sie kommt bei den Mitarbeitenden gut an. Die  Firma Daub CNC Technik aus Wenden etwa hat die tägliche Arbeitszeit auf neun Stunden erhöht, dafür bekommen die Angestellten einen Tag frei. Auch in einem Oberhausener Friseursalon wird auf die Vier-Tage-Woche gesetzt. In einer Sanitärfirma in Bottrop gibt es seit einem Jahr flexible Arbeitszeiten - Mitarbeitende können zwischen der Vier-, Viereinhalb- und der Fünf-Tage-Woche wählen.

Macht eine Vier-Tage-Woche Arbeitnehmende konzentrierter und motivierter?

Wobei Vier-Tage-Woche nicht gleich Vier-Tage-Woche ist. Das Pilotprojekt, für das nun Teilnehmer gesucht werden, setzt explizit auf eine Vier-Tage-Woche, bei der die Arbeitszeit reduziert wird, Gehalt und angestrebte Leistung aber gleich bleiben sollen. Bei anderen Modellen geht mit weniger Arbeitszeit auch weniger Lohn einher. Und es gibt noch eine weitere Variante: Hierbei wird an vier Tagen etwas mehr gearbeitet, um dann am fünften Tag die geleisteten Mehrstunden durch Freizeit auszugleichen.

Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft im Studiogespräch zum Bürgergeld

Befürworter wie etwa SPD-Chefin Saskia Esken sind überzeugt: Wer nur an vier Tagen in der Woche arbeiten muss, ist konzentrierter und motivierter bei der Sache - und erfüllt seine Vorgaben auch in der geringeren Zeit noch erfolgreich. Doch es gibt auch Gegner der Vier-Tage-Woche. Zum Beispiel Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft. Gegenüber dem WDR verweist er auf den Arbeits- und Fachkräftemangel, den es hierzulande in vielen Branchen gebe. "Wenn ich sowieso schon in einer Branche mit Arbeitskräfte-Knappheit arbeite und dort jetzt auch noch die Arbeitszeit verkürze, dann nimmt die Dramatik der Knappheit deutlich zu", so Schäfer. Das Arbeitskräftepotential werde aus demographischen Gründen immer kleiner. Eine Situation, die sich in den kommenden Jahren deutlich verschärfen werde.

IG Metall setzt auf längere Sicht auf die Vier-Tage-Woche

Und was sagen die Gewerkschaften? Die IG Metall etwa macht sich für die verkürzte Arbeitswoche stark. Ihr Argument: Eine bessere Balance von Arbeits- und Freizeit sei notwendig, damit Industrie und Handwerk für junge Fachkräfte attraktiv blieben. Konkret in Tarifverhandlungen brachte die IG Metall das vorerst nur für die Stahlindustrie auf den Tisch, verfolgt das Thema nach Worten des scheidenden Gewerkschaftschefs Jörg Hofmann aber als
langfristiges Ziel. Auf längere Sicht müsse dieses Arbeitszeitmodell allen Beschäftigten ermöglicht werden, sagte der scheidende Gewerkschaftschef Jörg Hofmann der FAZ, stehe aber nicht heute oder morgen auf der Tagesordnung.

Pilotprojekt soll in diesem Jahr starten

Doch zurück zum Experiment Vier-Tage-Woche: Intraprenör hat sich zum Ziel gesetzt, mehr als 50 Unternehmen in Deutschland von einer freiwilligen Teilnahme am Projekt zu überzeugen. Noch in diesem Jahr soll auch der sechsmonatige Testzeitraum beginnen. Innerhalb dieses Zeitraums können teilnehmende Unternehmen Intraprenör zufolge auf Experten zurückgreifen, neue Methoden lernen und mit den anderen Arbeitgebern in den Austausch gehen. Auch Kontakte zu Unternehmen, die bereits dauerhaft auf die Vier-Tage-Woche umgestellt haben, sollen ermöglicht werden. Die wissenschaftliche Auswertung übernimmt die Universität Münster.

Unsere Quellen:


  • dpa
  • Carsten Meier, Mitgründer von Intraprenör, gegenüber dem WDR
  • Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft gegenüber dem WDR
  • VW-Chef Oliver Blume gegenüber der "Bild Zeitung"
  • Mercedes-Chef Ola Källeenius gegenüber dem "Manager Magazin" (Mittwochausgabe)
  • Scheidender IG Metall-Chef Jörg Hofmann gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Wochenende)

Über dieses Thema berichten wir im WDR am 21.09.2023 auch im Fernsehen: Aktuelle Stunde, 18.45 Uhr.

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