Loveparade-Prozess gegen sieben Angeklagte eingestellt

Entscheidung im Loveparade-Prozess WDR aktuell 06.02.2019 01:39 Min. Verfügbar bis 06.02.2020 WDR

Loveparade-Prozess gegen sieben Angeklagte eingestellt

Von Dominik Peters

  • Loveparade-Prozess: Sieben Angeklagte stimmen Einstellung zu
  • Verfahren läuft gegen drei Angeklagte weiter
  • Teilweise Unverständnis bei Nebenklägern

Der Loveparade-Strafprozess ist am Mittwoch (06.02.2019) für sieben der zehn Angeklagten eingestellt worden. Das Duisburger Landgericht begründete seine Entscheidung mit der geringen Schuld der Angeklagten.

Für die sechs Mitarbeiter der Stadt und einen des Veranstalters Lopavent endet der Prozess damit nach 101 Verhandlungstagen ohne Urteil. Die Anklage hatte ihnen unter anderem fahrlässige Tötung und schwere Fehler bei der Planung des Events vorgeworfen.

Strafverteidiger: Einstellung bedeutet kein Schuldeingeständnis

Strafverteidiger Gerd-Ulrich Kapteina sagte, sein Mandant sei erleichtert. Er betonte, dass die Einstellung des Verfahrens – unter Annahme einer geringen Schuld – kein Schuldeingeständnis bedeute. 

Die geringe Schuld sei "rein hypothetisch". Sein Mandant habe die Einstellung akzeptiert, weil er wisse, "dass ein Freispruch allein aus zeitlichen Gründen nicht zu erreichen ist".

Ein Jahr Loveparade-Prozess: Das Gerichtsverfahren in Bildern

Der vorsitzende Richter Mario Plein (4 v.l) steht am 13.12.2017 in Düsseldorf  im Prozesssaal beim Loveparade-Strafprozess

Der Gerichtssaal hat eine sehr spezielle Atmosphäre. Das Landgericht Duisburg ist in eine Düsseldorfer Messehalle umgezogen. Die Klimaanlage kühlt die anonyme Großraum-Stimmung noch zusätzlich herunter.

Der Gerichtssaal hat eine sehr spezielle Atmosphäre. Das Landgericht Duisburg ist in eine Düsseldorfer Messehalle umgezogen. Die Klimaanlage kühlt die anonyme Großraum-Stimmung noch zusätzlich herunter.

Für Pressevertreter sind 85 Plätze reserviert. Das Gericht hat mit vielen Zuschauern gerechnet und 234 Plätze für sie reserviert.

An fast allen Prozesstagen bleiben die meisten Zuschauer-Stühle im Gerichtssaal leer.

Bei den Zeugen-Aussagen von Überlebenden der Katastrophe werden im Gerichtssaal Videobilder und Fotos der Katastrophe gezeigt. Es sind berührende Berichte von Verletzten und Traumatisierten, die dem Gericht helfen sollen, das Ausmaß der Massenpanik zu verstehen. Die Frage, durch welche Entscheidungen das tödliche Gedränge möglich wurde, steht im Zentrum des Prozesses.

Der zweite "Promi-Zeuge". Rainer Schaller - Fitness-Unternehmer und Lopavent-Chef. Schaller erschien gut präpariert - beinahe auswendig gelernt wirkten manche seiner Sätze vor Gericht. Der Zeuge verlas ein Statement, in dem er sich bei Hinterbliebenen und Verletzten entschuldigte.

Prozess geht für drei Angeklagte weiter

Damit läuft der Prozess nur noch gegen drei Angeklagte weiter. Auch ihnen hatten Gericht und Staatsanwaltschaft eine Einstellung des Verfahrens vorgeschlagen – unter Annahme einer mittleren Schuld – allerdings gegen eine Zahlung in Höhe von jeweils rund 10.000 Euro.

Diesen Vorschlag lehnten die Angeklagten, allesamt Mitarbeiter des Veranstalters Lopavent, ab. Sie bestehen auf ihr Recht, freigesprochen oder verurteilt zu werden. 

Eltern eines Opfers: Viele Fragen noch offen

06.02.2019, Düsseldorf: Stefanie (l) und Klaus-Peter Mogendorf, Nebenkläger im Loveparade-Prozess, warten auf den Prozessbeginn

Eltern und Nebenkläger Stefanie und Klaus-Peter Mogendorf

Nebenkläger und einige ihrer Anwälte verstehen das vorzeitige Prozess-Ende nicht. Etwa Klaus-Peter und Stefanie Mogendorf, die ihren Sohn bei dem Unglück 2010 verloren haben. Klaus-Peter Mogendorf verwies auf die vielen noch offenen Fragen: "Mit einzelnen Tätigkeiten der Angeklagten hat sich die Beweisaufnahme noch gar nicht beschäftigt."

Vorsitzender Richter: Verjährung spielt keine Rolle bei Entscheidung

Laut dem Vorsitzenden Richter, Mario Plein, gibt es aus juristischer Sicht gute Gründe für die Einstellung des Verfahrens. Die im Juli 2020 drohende Verjährung habe bei der Entscheidung keine Rolle gespielt. "Ich habe keine Angst davor, dass das Verfahren verjährt", so Plein, "weil wir uns überhaupt nichts vorzuwerfen haben".

"Wir sind noch nicht an einem Punkt, wo wir eine Schuld definitiv feststellen können", sagte er weiter. Gleichzeitig gab er sich optimistisch, was den Erkenntnisgewinn aus dem weiteren Verfahren angeht. Im weiteren Prozessverlauf will das Gericht laut Mario Plein "eine Vielzahl an Lopavent-Mitarbeitern" vernehmen und habe "noch ein paar Polizeibeamte vor der Brust".

Stand: 06.02.2019, 13:52

Kommentare zum Thema

14 Kommentare

  • 14 Cosmo 07.02.2019, 20:02 Uhr

    Wer kritisiert fliegt! Im Februar 2009 wies der damalige Polizeipräsident von Duisburg Rolf Cebin darauf hin, dass es problematisch sei, ein geeignetes Veranstaltungsgelände zu finden, und stellte eine Loveparade in Duisburg wegen Sicherheitsbedenken in Frage. Cebin wurde für diese ablehnende Haltung kritisiert, unter anderem forderte ihn der CDU-Kreisverband Duisburg zum Rücktritt auf. Auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Mahlberg forderte seine Ablösung. Danach hat sich keiner der Verantwortlichen mehr getraut, etwas gegen die Loveparade 2010 in Duisburg einzuwenden. In Nordrhein Westfalen hackt eine Krähe einer anderen kein Auge aus. R. Schaller erzählte Märchen, stellte sich als Opfer dar. Die zu erwartende fette Gewerbesteuer vom boomenden McFit, hat ihm sicher nicht geschadet. Immer wieder unfassbar, dass so unverschämt dämliche Leute wie der ehem. Duisburger Oberbürgermeister A. Sauerland, auf entscheidenden Posten in Politik u. Wirtschaft sitzen.

  • 13 Jochen 1158 07.02.2019, 14:42 Uhr

    Das Urteil konnte nicht anders aussehen, das es Menschen gibt die sich nicht benehmen können. Ich glaube nicht das auch nur einer der Angeklagten im Gedränge geholfen hat. Die Teilnehmer der Veranstaltung waren es allein, die sich durch ihre Anwesenheit in die Gefahr gebracht haben. Ich werde nie zu solchen Großveranstaltungen gehen, da sich einige Bürger halt nicht benehmen können. Schieben und keine Rücksicht auf andere haben das Unglück herbeigeführt. Leider gibt es auf der Welt viele Beispiele dafür, wenn Panik ausbricht ist sich jeder selbst der nächste.

  • 12 Anne19 06.02.2019, 20:02 Uhr

    War heute auch in Düsseldorf dabei. Das teilweise Ende wollte ich miterleben, weil ich beruflich auch ab und zu mit Events und der Orga von Großveranstaltungen zu tun habe. Was der bedauernswerte Vater zu sagen hatte war allerdings oft sachlich falsch und gegenüber dem Gericht total unfair. Vielleicht ist es der Kummer, irgendwie verständlich. Aber man hat ihn genau so wie die unschuldig Angeklagten vera....t. Die einen, weil sie als Sündenböcke für die Polizeifehler auf die Anklagebank kamen, und die Opferangehörigen, weil man ihnen "Schuldige" präsentieren wollte, die es nicht gab. Denn die wurden gar nicht erst angeklagt. Durften und sollten es wohl nicht.

  • 11 Duisburgerin Birgit 06.02.2019, 19:54 Uhr

    Ich finde es peinlich, wie sich die Stadtführung von Duisburg, sich durch Schweigen, von der Verantwortung drückt.

  • 10 Duisburgerin enttäuscht 06.02.2019, 19:43 Uhr

    Ich kann es nicht fassen, dass die Stadtführung für diese falsche Standortwahl der Grossveranstaltung, nicht zur Rechenschaft gezogen wird.

  • 9 Sebastian Jokisch 06.02.2019, 19:06 Uhr

    Mario Plein: "weil wir uns überhaupt nichts vorzuwerfen haben" Ein Gericht, dass allein schon 3 Jahre verstreichen lies, bis es die Anklageschrift angenommen hat, sollte nicht einmal an seine eigene Unschuld in Erwähnung ziehen! Das kommt dabei heraus, wenn man Richter an Fällen und Streitigkeiten solchen Ausmaßen lässt, die noch grün hinter den Ohren sind. Aber vielleicht war der ja gar nicht so grün und es war Absicht, bis zur Verjährung zu verschleppen, damit auch ja kein anderer Rechtszug mehr erlaubt ist. Die sollten mal wieder Ethik in das Staatsexamen einführen und weniger Speichelleckerei und Obrigkeitshörigkeit fördern. Aber eine Justiz, die macht, was der Landesherr ihr vorgibt, ist schon sowas von gewöhnlich. Eigentlich müsste man den Spruch mit den 1000 Jahren und den Muff-Talaren schon als Sachgebietsbezeichnung ernst nehmen.

  • 8 Nachdenklich 06.02.2019, 18:41 Uhr

    Das Geschehene ist schrecklich. Aber warum sind wir erst zufrieden, wenn Menschen für das Geschehene verantwortlich gemacht und bestraft worden sind? Werden dadurch die Toten lebendig? Ist es notwendig, dass weitere Menschen und Familien getroffen werden, auch wenn es möglicherweise kein vorsätzliches oder grob fahrlässiges Verhalten gab? Hilfreich wäre es, daraus Lehren zu ziehen, damit ähnliches bei anderen Großveranstaltungen nicht mehr passiert. Es gab ja wohl zahlreiche individuelle Fehler. Aber es wird bei allem ein Rest-Lebensrisiko geben, für das sich niemand verantwortlich machen lässt. Ich wünsche den Betroffenen, dass sie auch ohne ein Urteil ihren Frieden finden und dass es nie wieder zu einer ähnlichen Situation kommt.

  • 7 axel preuß 06.02.2019, 18:29 Uhr

    Als mit glück davongekommener Teilnehmer der Loveparade bleibt mir nur mit dem Kopf zu schütteln. Keiner trägt Verantwortung und keiner ist Schuld Das Gericht ist den ungewollten und lästigen Prozess los im 2 Anlauf. Mir fällt dazu nur ein Das habt Ihr super hinbekommen 21 Leute Tot und keiner war es. Aber man scheißt sich ja auch nicht ins eigene Nest. Deshalb war ja eigentlich nichts anderes zu erwarten. Nur eins noch an die Vorbildwirkung denkt keiner Einfach nur hinstellen und sagen ich war es nicht wird schon gutgehen Das ganze macht mich einfach fassungslos.

    Antworten (1)
    • Anne19 06.02.2019, 20:04 Uhr

      Das Gericht kann nichts machen, wenn die Staatsanwälte die falschen anklagen. Dann kann das Ergebnis nur ein Schuss in den Ofen sein.

  • 6 Frank Nohl 06.02.2019, 17:52 Uhr

    Ich kann die Einschätzung von Herrn Mogendorf völlig nachvollziehen. Eine von der Stadtverwaltung ausgestellte Genehmigung für die Veranstaltung ohne Prüfung der damit verbundenen Auflagen am Veranstaltungstag ist für mich nicht mehr fahrlässig. Was wäre gewesen, wenn es am 24.07.10 so heiß gewesen wäre wie eine Woche zuvor ? Was wäre passiert, wenn es ein ordentliches Sommergewitter mit massivem Starkregen gegeben hätte ? Der Tunnel wäre vollgelaufen wie so häufig in den Jahren zuvor und auch noch danach ! Mit etwas Mühe kann man die entsprechenden Fotos noch im Netz finden. Erst in den letzten 3 Jahren hat man die Kanalisation dort ausgebaut. Wurde diese latente Gefahr in den Planungen und bei der Genehmigung berücksichtigt ?

  • 5 Kornelia Terschüren eggert 06.02.2019, 17:49 Uhr

    man kann es nicht glauben das es keine verantwortlichen für dieses tragische Ende der Love Parade gibt. 21 Tote junge Menschen und zig verletzte traumatisierten junge menschen. man muss doch bei der Genehmigung des veranstaltungsortes festgestellt haben das es zu wenig notausgänge für so viele Menschen gibt. ich finde es auch so ungerecht und unverantwortlich den Angehörigen dieser verunglückten Menschen gegenüber keine schuldigen zu finden und zu verurteilen. in was für einem Land leben wir wo unschuldige Menschen sterben müssen und die Schuldigen mehr oder weniger gar nicht bestraft werden ich könnte schreien vor soviel Ungerechtigkeit. die armen zurückgebliebenen Angehörigen. ihre liebsten verloren nur weil die Verantwortlichen einen grossen Fehler gemacht haben beim festlegen des veranstaltungsortes. viel zu wenig Platz und viel zu wenig notausgänge. es ist für mich eines der schlimmsten Verbrechen in den letzten Jahren die ich kenne. keine verurteilten Schuldigen.

  • 4 Stefan Bergmann 06.02.2019, 17:17 Uhr

    22 Menschen sind tot und die kommen davon das ist doch verarsche die Verantwortlichen gehören bestraft