Sexuelle Gewalt: Mit welchen Folgen das Opfer bis heute leben muss

Lokalzeit Bergisches Land 02.08.2022 16:09 Min. Verfügbar bis 03.08.2023 WDR Von Wolfram Lumpe

Interview: Ein Missbrauchsopfer spricht über sexuelle Gewalt

Stand: 03.08.2022, 10:51 Uhr

Über lange Jahre wird ein junger Mann als Kind Opfer sexueller Gewalt. Beim Prozess gegen den Täter spricht er über sein Leben.

Jonah ist 23 Jahre alt und Student. Er ist ein selbstbewusster und stark wirkender junger Mann. Jonah (Name geändert) war von Kindesbeinen an über viele Jahre Opfer von sexualisierter Gewalt. Der inzwischen rechtskräftig verurteilte Täter war kein leiblicher Verwandter, aber doch eine echte Vertrauensperson in Jonahs Familie. Im Prozess passiert etwas Unerwartetes: Jonah muss eigentlich nicht aussagen, weil der Täter gesteht. Trotzdem wendet er sich an das Gericht, mit der Bitte, sprechen zu dürfen. Über Folgen und Konsequenzen, die der Missbrauchs für sein Leben hatte und bis heute hat.

Alle Prozessbeteiligten sind im Frühjahr bewegt von Jonahs klaren und differenzierten Worten. Wir haben danach Kontakt zu ihm aufgenommen und er hat unserem Interviewwunsch zugestimmt. Wolfram Lumpe hat mit ihm gesprochen:

WDR: Jonah, wie war das im Gericht. Was hat Sie bewogen zu sagen: Ich möchte hier und jetzt sprechen?

Jonah: Es stand lange im Raum, dass die Betroffenen die Taten schildern müssen vor Gericht. Als dann die Nachricht kam, dass er gesteht, war ich zum einen total erleichtert, dass ich das nicht machen muss. Auf der anderen Seite ging mir so ein bisschen die Möglichkeit verloren, mich auszudrücken. Oder auch was dazu zu sagen. Und dann hab ich gedacht: Das würde ich schon gerne machen.

WDR: Was ging in Ihnen vor? Was mussten Sie rauslassen?

Jonah: Was nicht so wirklich beachtet wurde, ist, was das alles für mich bedeutet. Man kann die Taten dann so runterbrechen und genau bis ins Detail erklären, was, wer, wie, wann gemacht hat. Aber das, was danach kommt, ist eigentlich das: Die familiäre Situation, damit allein zu sein, irgendwie nicht zu wissen, wo die Schuld liegt. Oder sie doch ziemlich eindeutig bei sich selbst zu suchen.

"Ich dachte einfach, dass ich alleine schuld bin." Jonah

WDR: Warum haben Sie die Schuld bei sich gesucht?

Jonah: Ich dachte einfach, dass ich alleine schuld bin. Die Taten haben angefangen zu einem Zeitpunkt, wo ich ja selber gar keine Ahnung von Sexualität hatte. Ich wusste ja gar nicht, was das ist. Geschweige denn, dass Erwachsene für ihre Taten verantwortlich sind. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass zwischen mir und dem Täter über sowas geredet wurde. Aber irgendwie schien mir trotzdem suggeriert zu werden, dass das etwas Gegenseitiges ist.

Ein unkenntlich gemachter Mann, der in seiner Kindheit Opfer sexuellen Missbrauchs wurde, sitzt gemeinsam mit seiner Anwältin an einem runden Tisch.

Jonah mit seiner Anwältin.

WDR: In welchem Spannungsfeld waren Sie nach der Aussage? Haben Sie gedacht, es war gut, dass ich das gemacht habe? Oder haben Sie gedacht, das hätte ich mal besser gelassen?

Jonah: Ich war auf jeden Fall froh, dass ich die Aussage gemacht hab. Und ich war auch erleichtert. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich wirklich sehr zufrieden damit war, wie es gelaufen ist.

"Ich habe das eine lange Zeit verdrängt gehabt, also wirklich Jahre nachdem die Taten aufgehört haben, hab ich da nicht mehr darüber nachgedacht." Jonah

WDR: Was haben die Taten mit Ihnen und Ihrem Leben gemacht?

Jonah: Da war erstmal ein großer innerlicher Konflikt, ein großes Geheimnis, was ich alleine gar nicht richtig aushalten kann und andererseits dieses Gefühl zu haben, es aushalten zu müssen. Weil man sonst die Familie kaputt macht oder Leuten schadet. Dann einfach, dass es mir oft schlecht ging deswegen. Ich habe das ja auch eine lange Zeit verdrängt gehabt, also wirklich Jahre nachdem die Taten aufgehört haben, habe ich da nicht mehr darüber nachgedacht. Bis zu einem Punkt, an dem es einfach sehr belastend war. Und ich dann so depressive Episoden erlebt habe. Episoden von Alkohol und Drogenmissbrauch oder selbstverletzendes Verhalten, Suizidgedanken. Und im Endeffekt der dann zwar freiwillige, aber auch sehr notwendige Schritt, in die Klinik zu gehen und sich da stationär behandeln zu lassen.

WDR: Sie haben von Selbsthass gesprochen und haben dann die Kurve gekriegt, sich behandeln zu lassen. Was war der Auslöser, dass Sie das geschafft haben?

Jonah: Ich war schon früh in therapeutischer Behandlung - mit elf Jahren das erste Mal. Weil ich damals auch schon Phasen hatte, in denen es mir nicht gut ging. Deswegen hat meine Mutter mich dann in eine Therapie gebracht. Ohne zu wissen, was eigentlich wirklich ein großer Auslöser dafür gewesen sein konnte. Dann später ging es mir so schlecht, dass ich irgendwie dachte: Okay, dann beende ich das jetzt einfach. Aber ich weiß nicht, irgendwas in mir hat sich dann doch dagegen entschieden. Ich dachte: Das kann nicht sein, dass es jetzt damit endet. Das wollte ich dann doch nicht akzeptieren.

"Ich erlebe mich selber ganz anders, seitdem ich mir Hilfe gesucht habe." Jonah

WDR: Sie hatten ja auch Zweifel - zum Beispiel an Ihrem Studium. Auch da haben Sie ja die Kurve gekriegt. Was hat Ihnen da geholfen?

Jonah: Die Öffnung, dieses Geheimnis zu lüften. Enger mit den Menschen zusammen zu rücken, die mir wirklich wichtig sind, mit denen ich das teile. Und dass ich diesen Menschen loswerde. So komisch das jetzt klingen mag: Ich erlebe mich selber ganz anders, seitdem ich mir Hilfe gesucht habe.

Haben Sie Suizidgedanken? Hier gibt es Hilfe

Wer sich mit Suizidgedanken trägt, empfindet seine persönliche Lebenssituation als ausweglos. Doch es gibt eine Fülle an Angeboten zur Hilfe und Selbsthilfe, auch anonym.

Telefonseelsorge

Die Telefonseelsorge ist unter den Rufnummern 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 sowie 116 123 rund um die Uhr erreichbar. Sie berät kostenfrei und in jeder Hinsicht anonym. Der Anruf hier findet sich weder auf Ihrer Telefonrechnung noch im Einzelverbindungsnachweis wieder.

Menschen muslimischen Glaubens können sich an das muslimische Seelsorgetelefon wenden. Es ist ebenfalls kostenfrei und anonym 24 Stunden am Tag unter der Rufnummer 030/44 35 09 821 zu erreichen.

Chat der Telefonseelsorge

Die Telefonseelsorge bietet Betroffenen auch die Möglichkeit an, sich Hilfe per Chat zu holen. Dazu meldet man sich auf deren Webseite an.

E-Mail-Beratung der Telefonseelsorge

Menschen mit Suizidgedanken können sich auch an die E-Mail-Beratung der Telefonseelsorge wenden. Der E-Mail-Verkehr läuft über die Webseite der Telefonseelsorge und ist deshalb nicht in Ihren digitalen Postfächern zu finden.

Anlaufstellen für Opfer von häuslicher Gewalt

Das Hilfetelefon ist anonym, kostenfrei und rund um die Uhr unter 08000 116 016 erreichbar.

Der Weiße Ring bietet ebenfalls einen anonymen Telefondienst unter 116 006 sowie eine Online-Beratung.

Überblick auf Hilfsangebote

Darüber hinaus hat die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) zahlreiche Informationen zu Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen und sozialpsychiatrischen Diensten aufgelistet, an die sich Suizidgefährdete und Angehörige wenden können, um Hilfe zu erhalten. Entsprechende Informationen finden Sie unter nachfolgendem Link.