Viele Viertklässler in NRW haben Probleme beim Schreiben und Rechnen

Stand: 17.10.2022, 15:31 Uhr

Immer mehr Grundschulkinder in NRW haben Probleme in den Fächern Mathe und Deutsch. Das geht aus einer neuen Studie hervor. Die SPD sieht eine "Bildungskatastrophe" - auch die Schulministerin ist alarmiert.

Im Fünf-Jahres-Vergleich sind die Viertklässler in ihren Kompetenzen in diesen Fächern deutlich zurückgefallen. Das zeigt eine am Montag von der Kultusministerkonferenz (KMK) vorgestellte Studie, die im Abstand von fünf Jahren den Stand bei den Schülern repräsentativ untersucht. Bereits im Juli waren die Zahlen für ganz Deutschland vorgestellt worden. Jetzt folgte ein Vergleich nach Bundesländern.

Das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) hatte zum dritten Mal im Auftrag der KMK untersucht, inwieweit Viertklässlerinnen und Viertklässler die bundesweit geltenden Bildungsstandards in den Fächern Deutsch und Mathematik erreichen.

Eine für Schüler und Schülerinnen konzipierte Beispielaufgabe des Mindeststandards im Bereich Lesen

Während beim Lesen im Jahr 2021 52,7 Prozent der Schüler in NRW den Mindeststandard erreichten, schaffte das rund jeder Fünfte (21,6 Prozent) nicht. Im Vergleichsjahr 2016 waren es nur 15,7. Bei der Rechtschreibung sieht es noch schlechter aus. Nur 39,6 Prozent erreichen den Regelstandard, während 32,6 Prozent erhebliche Probleme damit haben, so richtig zu schreiben, dass sie die Mindestanforderungen erfüllen. 2016 hatten nur 23,9 Prozent massive Probleme mit der Rechtschreibung.

NRW fällt ab

Das bevölkerungsreichste Bundesland gehört zu den "Underperformern" der Studie: "In Brandenburg und Nordrhein-Westfalen fallen die Ergebnisse zum Erreichen der Regelstandards in allen Kompetenzbereichen und zum Verfehlen der Mindeststandards in jeweils zwei Kompetenzbereichen signifikant ungünstiger aus als bundesweit."

Grundlage der Studie sind den Angaben zufolge Leistungsdaten von 26.844 Schülern der 4. Jahrgangsstufe aus 1.464 Schulen in den Bundesländern, die zwischen April und August 2021 - also mitten in der Corona-Pandemie mit ihren erheblichen Einschränkungen im Schulbetrieb - erhoben wurden.

28,1 Prozent haben Probleme mit Mathematik

Beim Rechnen schafft fast jeder zweite Viertklässler (47,3 Prozent) den vorgesehenen Standard, also das, was im Schnitt von Schülerinnen und Schülern in diesem Alter erwartet wird. Damit liegt NRW in Deutschland allerdings deutlich unter dem Gesamtwert. Die Grundschüler in Bayern erreichen hier einen Spitzenwert von 66,2 Prozent. 28,1 Prozent der Schüler in NRW haben so große Probleme mit der Mathematik, dass sie den Mindeststandard nicht vorweisen können.

Eine für Schüler und Schülerinnen konzipierte Beispielaufgabe des Mindeststandards im Bereich Mathemathik

Vor fünf Jahren waren noch deutlich mehr Schüler besser in Mathematik. 2016 erreichten nur 19,2 Prozent den Mindeststandard nicht. Das ist ein Zuwachs von 8,9 Prozentpunkten.

Ursache für Negativtrend unklar

Ein Grundschulklassenraum, Rückenansicht: Schülerinnen und Schüler sitzen an ihren Tischen, eine Lehrerin schreibt auf die Tafel

Eine Grundschulklasse

Ob dafür während des Untersuchungszeitraums von April bis August 2021 die Corona-Pandemie mit den Einschränkungen des Präsenz-Schulbetriebs ausschlaggebend war, sei aufgrund von Studien in anderen Ländern zu vermuten, könne aber nicht mit Sicherheit auch für Deutschland gesagt werden, so die KMK. Der Negativtrend sei schon vor der Pandemie zu beobachten gewesen.

Besonders Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund seien von den negativen Werten betroffen. Verschlechterte Werte bei den Kompetenzen im Lesen, Zuhören, in der Mathematik und der Orthografie seien aber "auch bei Kindern ohne Zuwanderungshintergrund und bei Kindern aus sozial besser gestellten Familien zu verzeichnen", so die Studie. Es gebe zwar Unterschiede zwischen den Ländern, aber insgesamt zeigten die Ergebnisse einen bundesweiten Trend. Auch der Lehrermangel sei eine bleibende Herausforderung.

SPD: "Bildungskatastrophe"

Während die bereits im Juli veröffentlichten Ergebnisse auf Bundesebene einen besorgniserregenden Trend andeuteten, zeigten die nun präsentierten ausführlichen Ergebnisse für die Bundesländer das ganze Ausmaß der Missstände in NRW, sagte SPD-Fraktionsvize Jochen Ott. "Unsere schlimmsten Befürchtungen wurden bestätigt. Die Zahlen des Bildungstrends zeigen deutlich, dass wir uns in NRW in einer Bildungskatastrophe befinden."  Die Sozialdemokraten forderten von Schwarz-Grün eine Bildungskonferenz, um die Zukunftsfähigkeit guter Bildung und den Schulfrieden in NRW zu sichern.

Der Bildungs-Gau an den Grundschulen

WDR RheinBlick 21.10.2022 28:48 Min. Verfügbar bis 21.10.2023 WDR Online


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Von "erdrückenden Ergebnissen" sprach der FDP-Bildungsexperte Andreas Pinkwart. Er forderte als Konsequenz einen "Mix aus nachhaltigen strukturellen Maßnahmen und Sofortmaßnahmen". Unter anderem plädierte er für einen Ausbau der Talentschulen. Pinkwarts Parteifreundin Yvonne Gebauer war von 2017 bis 2022 NRW-Schulministerin.

Ministerin: "Alarmsignal"

Dorothee Feller (CDU), Schulministerin Nordrhein-Westfalen

Dorothee Feller (CDU), Schulministerin Nordrhein-Westfalen

Auch die seit dem Sommer amtierende Schulministerin Dorothee Feller (CDU) sprach von einem "Alarmsignal". Mit der Corona-Pandemie allein ließen sich die schlechten Ergebnisse nicht erklären. Feller: "Wir brauchen einen grundlegenden und umfassenden Ansatz, um den negativen Trend umzukehren. Die Bildungslücken, die bei unseren Kindern in den Grundschulen entstehen, werden einige sicher ein Leben lang begleiten."

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