Autor Frank Schätzing im Interview: Masterplan gegen die Klimaangst

Stand: 21.08.2022, 20:45 Uhr

Wir wüssten, was zu tun sei, sagt Bestseller-Autor Frank Schätzing im WDR-Interview - nun gelte es, den "Umsetzungsstau" beim Kampf gegen den Klimawandel auflösen.

Frank Schätzing ist mit Wissenschafts-Thrillern (u.a. "Der Schwarm") zum Bestseller-Autor geworden. 2021 veröffentlichte er das Sachbuch "Was, wenn wir einfach die Welt retten?" - darin geht es um Schritte gegen den Klimawandel.

WDR: Klimaangst – lähmt das oder hilft das? 

Frank Schätzing: Angst ist ein natürlicher Prozess, der uns in unserer Evolution geholfen hat - aber zu viel Angst ist kontraproduktiv und lähmt. Ich denke, wir brauchen mehr eine chancen- und möglichkeitenbasierte Kommunikation und weniger eine angstbasierte Kommunikation.

WDR: Also, wie geht's?

Schätzing: Es ist nicht so, dass wir im Ideenstau stecken, es ist nicht so, dass wir nicht wissen, was wir tun. Wir haben Umsetzungsstau. Den müssen wir jetzt auflösen, das heißt, wir müssen diese absurden Genehmigungsverfahren durchbrechen, dieses Übermaß an Bürokratie, was dazu geführt hat, dass in Deutschland jahrelang der Stillstand verwaltet wurde.

WDR: Man hat das Gefühl, die Leute haben es begriffen, wir sehen es, wir erleben es jetzt, aber die Politik macht es nicht so richtig, weil sie niemandem wehtun will, oder?

Schätzing: Man kann das nicht so generalisieren. Wir müssen ja sehen: Warum ist eigentlich so lange nichts passiert? Wir haben es uns alle ja in den vorhandenen Strukturen viel zu bequem gemacht, weil sie auch bequem waren. Also russisches Öl und Gas, beispielsweise, flossen und flossen, waren schön bezahlbar. Und dann hat man sich daran gewöhnt.

Und es gibt in diesem Energie-Trilemma, wo immer Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und Auswirkungen auf die Umwelt gegeneinanderstehen, da fällt einer immer hintenüber – das war dann die Umwelt. Jetzt sind diese Strukturen zerschlagen. Die Sicherheit der Versorgung ist dahin, die Preissicherheit ist dahin. Jetzt ist eben die Chance, auf die Umwelt zu gehen.

WDR: Also die Gaskrise als Chance?

Schätzing: Winston Churchill hat gesagt: "Never waste a good crisis" ("Verschwende nie eine gute Krise", d. Red.). An Krisen ist ja nicht erstmal etwas gut. Aber das Gute an Krisen ist, sie erzeugen Handlungsdruck. Den hatten wir über lange Jahre auch deswegen nicht, weil in der Bevölkerung dieses Bewusstsein der Klimakrise so stark nicht war. Also war der Druck auf die Politik und die Industrie auch gar nicht so vorhanden. Und die Politik macht nichts, wenn sie keinen Druck hat.

WDR: Kriegen wir es konkreter hin? Also alle holen sich eine Wärmepumpe? Dauert ein bisschen, aber das ist natürlich eine Möglichkeit. Wie machen Sie es? Oder wie sollte es angegangen werden?

Schätzing: Angegangen werden sollte es erstmal in einem globalen Masterplan, dessen Teil wir sind. Der sagt - und jetzt nehmen wir den Ukraine-Krieg und seine Folgen mal raus gerade - so schnell wie möglich raus aus der Verbrennung fossiler Energien, denn die haben uns das Problem eingetragen, also Kohle, Öl und Gas.

So schnell wie möglich Vollversorgung durch erneuerbare Energien, das heißt Sonne und Wind. Und es gibt sowohl im Solarbereich als auch im Windenergiebereich fantastische neue Technologien. Also es gibt nicht nur Masten mit Propellern, es gibt nicht nur diese Panele, sondern es gibt Solar-Lack, Solar-Farbe. Wir könnten, wenn wir wollten, aus Städten Solarkraftwerke machen. Wir könnten in der Windkraft, es werden in Schleswig-Holstein gerade Flugwindkraftwerke erprobt, deutsche Erfindung, die wesentlich sozialverträglicher sind, effizienter.

Wir müssen jetzt akzeptieren, dass wir in einer neuen Realität leben. Frank Schätzing in der Aktuellen Stunde

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, Kooperativen einzugehen, global, zur Herstellung grünen Wasserstoffs. Die Industrie braucht diesen grünen Wasserstoff, das können wir mit sonnenreichen Ländern machen. Vierter Punkt: Wir brauchen Technologien, um CO2 aus der Luft rauszufiltern.

Und, das ist dann wieder lokal, wir müssen jetzt akzeptieren, dass wir in einer neuen Realität leben. Was wir jetzt gerade in Deutschland erleben, ist unsere neue Normalität.

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Also müssen wir jetzt Wege finden, und die gibt es auch, wie wir die Infrastruktur und die Bevölkerung jetzt gegen die Folgen dieses Extremwetters absichern, indem wir zum Beispiel die Versiegelung von Böden aufbrechen. Denn dass wir alles versiegelt haben, auch Ackerflächen, Böden, Städte, Ufer, das hat uns ja eingetragen, dass wir diese Überschwemmungen kriegen, beispielsweise - dass das Wasser nicht mehr versickern kann.

WDR: Es ist ein sehr ganzheitliches Thema mit einer langen Liste von Dingen, die angepackt werden müssen. Irgendwo müssen wir anfangen.

Schätzing: Man kann vieles tun.

Das Interview führte Susanne Wieseler für die Aktuelle Stunde im WDR Fernsehen. Es wurde für bessere Lesbarkeit leicht sprachlich bearbeitet.

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