Joe Biden: "Die Pandemie ist vorbei"

00:25 Min. Verfügbar bis 26.09.2022

Biden erklärt Pandemie für beendet - ist Corona wirklich vorbei?

Stand: 19.09.2022, 13:06 Uhr

US-Präsident Joe Biden hat die Corona-Pandemie in den USA für beendet erklärt. Und auch die Bilder vom Oktoberfest in München verbreiten Optimismus. Hat sich die Corona-Lage geändert?

Von Jörn Seidel

Seit Monaten heißt es aus der Wissenschaft, dass die Zahl der Corona-Infektionen, -Schwerkranken und -Toten in den kalten Monaten voraussichtlich wieder merklich ansteigen wird. Jetzt aber erklärte US-Präsident Joe Biden überraschend: Die Pandemie sei in den USA zu Ende. Ein Eindruck, den auch die Bilder vom Münchner Oktoberfest erwecken können. Ist die Corona-Pandemie womöglich doch schon vorbei?

"Die Pandemie ist vorbei. Wir haben immer noch ein Problem mit Covid. Wir arbeiten noch viel daran, aber die Pandemie ist vorbei." Joe Biden, US-Präsident

"The pandemic is over", so Bidens Worte in einem am Sonntag ausgestrahlten Interview des US-Fernsehsender CBS. Aufgezeichnet wurde es drei Tage zuvor, als der US-Präsident eine Auto-Messe in Detroit besuchte. "Wie Sie sehen, trägt hier niemand eine Maske. Alle scheinen in ziemlich guter Verfassung zu sein", so Biden weiter. "Ich glaube also, dass sich die Situation ändert, und ich denke, dies ist ein perfektes Beispiel dafür."

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Wöchentliche Zahl der Corona-Toten rückläufig

Tatsächlich hat sich die Corona-Lage geändert - und zwar zuletzt zum Guten, auch in Deutschland. Seit Ende Juli geht die Zahl der wöchentlich gemeldeten Corona-Toten zurück, heißt es im jüngsten Wochenbericht des Robert Koch-Instituts (RKI). Im Frühjahr verzeichnete die Bundesbehörde pro Woche noch bis zu 1.800 Tote. Vorletzte Woche waren es noch 136. In den USA sterben derzeit täglich knapp 400 Menschen mit Corona - also ebenfalls relativ wenige.

Auch die Zahl der mit Corona infizierten Patientinnen und Patienten in Krankenhäusern ist in den vergangenen Wochen stark zurückgegangen. Aktuell werden in NRW noch etwa 2.000 Menschen mit Corona stationär behandelt, mehr als 50 müssen beatmet werden.

Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), spricht nach seiner Wiederwahl während der 75. Weltgesundheitsversammlung bei den Vereinten Nationen in Genf

Tedros Ghebreyesus, WHO-Chef

Optimismus verbreitet nicht nur Biden, sondern auch der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Ghebreyesus. Die jüngste Zahl der weltweit gemeldeten wöchentlichen Corona-Toten sei die niedrigste seit März 2020, sagte er in der vergangenen Woche. Seine Schlussfolgerung:

"Wir waren noch nie in einer besseren Lage, die Pandemie zu beenden. Wir sind noch nicht am Ziel, aber das Ende ist in Sicht." Tedros Ghebreyesus, WHO-Chef
Studiogespräch: Ruth Schulz, WDR-Wissenschaftsredaktion Quarks

Ruth Schulz, WDR-Wissenschaftsredaktion

WDR-Wissenschaftsredakteurin Ruth Schulz bleibt trotzdem zurückhaltend. Denn wie sich die Corona-Lage in den kommenden Monaten entwickelt, dazu könne man aus wissenschaftlicher Sicht einfach keine sichere Prognose abgeben, so Schulz. Sicher sei nur: "Der Erfahrung nach steigen die Corona-Zahlen in der kalten Jahreszeit wieder an."

Bidens Worte ordnet Schulz als "unüberlegte Sätze" ein. Tatsächlich dürften sie innerhalb seiner Regierung für einigen Wirbel sorgen. Erst vor wenigen Wochen hatte die US-Regierung den Kongress um zusätzliche Milliarden für den Kampf gegen die Pandemie gebeten.

Entscheidend: Welche Virus-Variante dominiert?

Ganz entscheidend für die weitere Entwicklung der Pandemie sei unter anderem, welche Virus-Variante vorherrsche, so Schulz.

So sieht es auch das Forscherteam um Mobilitätswissenschaftler Kai Nagel von der Technischen Universität Berlin, das regelmäßig aufwendige Corona-Simulationen durchführt. Werde sich eine "Immunflucht-Variante mit erhöhter Krankheitsschwere" durchsetzen, könne sich daraus eine "katastrophale Krankenhausbelastung" ergeben, so die Prognose.

Aktuell blickt die Wissenschaft mit Sorge zum Beispiel auf die in Österreich festgestellte Corona-Variante BJ.1 und die in Indien registrierte Variante BA.2.75.

Keine Maskenpflicht beim Oktoberfest

Mit Blick auf steigende Corona-Zahlen im Herbst und Winter haben Bundestag und Bundesrat vor Kurzem eine Verschärfung des Infektionsschutzgesetzes beschlossen. Am 1. Oktober soll die neue Fassung in Kraft treten. Noch allerdings sind strengere Corona-Regeln nicht nötig. Und so gilt auch beim Oktoberfest in München, das am Samstag eröffnet wurde, weder eine Test- noch Maskenpflicht.

Politiker und Politikerinnen, die einerseits strengere Corona-Regeln beschließen und andererseits ohne Maske beim Oktoberfest feiern – das sorgt in den sozialen Netzwerken derzeit für heiße Diskussionen. Unmut erfährt derzeit insbesondere Grünen-Chefin Ricarda Lang, die bei Instagram ein Foto vom Oktoberfest postete. Darauf prostet sie im Dirndl mit Bierkrug in der Hand Parteifreundin und Kulturstaatsministerin Claudia Roth zu.

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"Phase, die sich entspannt anfühlt"

"Was wir zurzeit erleben, ist eine Phase, die sich entspannt anfühlt", sagt Wissenschaftsredakteurin Schulz. "Was im Herbst und Winter ist, wird man sehen."

Dass viele Menschen Corona derzeit entspannt wahrnehmen, spiegelt auch die Cosmo-Langzeitstudie der Uni Erfurt wider. "Das gefühlte Risiko ist seit Beginn der Omikron-Welle deutlich gesunken", heißt es in der Zusammenfassung der jüngsten Erhebungen vom August.

"Ich glaube nicht mehr, dass wir Ende des Jahres den Eindruck haben werden, die Pandemie sei vorbei", sagte Virologe Christian Drosten schon im Juni dem "Spiegel". Bislang ist er von dieser Prognose nicht abgerückt.

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