Lauterbach: Wir brauchen Corona-Regeln für den privaten Raum

Lauterbach: Wir brauchen Corona-Regeln für den privaten Raum

Das RKI warnt, dass sich die Menschen momentan vor allem bei privaten Treffen mit dem Coronavirus anstecken. SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach fordert deshalb staatliche Regeln für die eigenen vier Wände – die NRW-Landesregierung ist dagegen.

Der Grund für den Anstieg bei den Neuinfektionen liegt im privaten Raum - darüber scheint bei den Experten Einigkeit zu herrschen. Trotzdem gibt es in NRW bisher nur Regeln und Einschränkungen für den öffentlichen Raum. Etwa die Sperrstunde in der Gastronomie in Corona-Hotspots. Wie viel Sinn macht das?

RKI-Chef Wieler: "Viele Ansteckungen im privaten Umfeld"

Am Freitag lag die Zahl der Corona-Neuinfektionen bei 11.242. Das sind nur wenige Dutzend weniger als der Rekordwert vom Vortag mit 11.287 neuen Fällen. Laut Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts sind dafür vor allen Dingen Treffen mit Freunden und Familie in den eigenen vier Wänden verantwortlich: "Es kommt im privaten Umfeld zu vielen Ansteckungen, weil wir dort nah beieinander sind."

Ähnlich sehen das die US-Forscher der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore. Die Autoren verweisen auf mehrere Studien, denen zufolge 46 bis 66 Prozent der Ansteckungen im Haushalt passieren. Eine große Untersuchung aus Südkorea kam zu dem Schluss, dass die Ansteckungsgefahr in einem Haushalt sechs Mal höher ist, als bei anderen engen Kontakten.

Epidemiologe Lauterbach für Regeln im privaten Raum

SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach sprach sich daher im WDR Fernsehen für Verbote oder zumindest "sehr starke Empfehlungen" für den privaten Bereich aus. Auch wenn diese sich sehr schwer kontrollieren ließen. Lauterbach geht davon aus, dass die Bevölkerung solche Regeln mittragen würde: "Die meisten Menschen sind nicht dumm, verstehen, dass wir an einer ganz wichtigen Gabelung sind."

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Laumann verweist auf verfassungsmäßigen Schutz der Wohnung

Die NRW-Regierung hingegen zeigt sich nach wie vor skeptisch gegenüber Regeln für den privaten Raum. Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) verwies am Freitag bei WDR 2 auf den verfassungsmäßigen Schutz der Wohnung: "Und wollen wir da jetzt – ich übertreibe mal ein bisschen – die Polizei klingeln und zählen lassen, wie viele Gäste jemand in seiner Wohnung hat?" Er setzte darauf, dass die Menschen sich jetzt freiwillig mit privaten Einladungen und nicht notwendigen Kontakten zurückhalten.

Auch Juristisch gesehen sind Regeln und Verbote für den privaten Wohnbereich tatsächlich nicht ohne Hindernisse umzusetzen. Der Rechtsanwalt und Verfassungsrecht-Experte Julius Reiter erklärte gegenüber dem WDR, dass der Staat hier nur in einer "ernstzunehmenden Gefahrensituation" eingreifen dürfe. Die Corona-Pandemie sei nach wissenschaftlichen Erkenntnissen eine solche Situation, die Eingriffe ins Private rechtfertigen könne.

Reiter betont aber, dass Ordnungsämter oder Polizei bei Veranstaltungen im privaten Wohnungsbereich nur eingreifen dürften, wenn es konkrete Hinweise auf eine erhöhte Infektionsgefahr gebe: "Hier ist im Einzelfall zu berücksichtigen, wie viele Personen zusammenkommen, wie groß die Privaträume sind, ob sie gelüftet werden."

Gastronome verärgert über Sperrstunde

Keine Regeln für Wohnungen und stattdessen eine Sperrstunde für Kneipen? Der Gaststättenverband Dehoga kann das nicht nachvollziehen. Schon vergangene Woche sagte NRW-Präsident Bernd Niemeier: "Entweder stehen bei Erreichen der Sperrzeit alle Gäste auf der Straße. Oder die, die ausgehen wollten, treffen sich direkt privat - ohne jegliche Corona-Schutzmaßnahmen oder die soziale Kontrolle, die es in der Gastronomie gibt."

Stand: 23.10.2020, 11:25

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