Blackout-Stresstest in den Kommunen

Aktuelle Stunde 23.09.2022 23:42 Min. UT Verfügbar bis 30.09.2022 WDR Von Christian Schweitzer

So realistisch ist ein "Blackout" in Deutschland

Stand: 23.09.2022, 15:26 Uhr

Die Versorgung mit Gas und Strom ist schon lange ein Thema, das Sorgen bereitet - doch nicht nur der Nachschub aus Russland, auch Hacker könnten Probleme bereiten. Wie realistisch ist ein "Blackout"?

CSU-Chef Markus Söder warnte bereits in der vergangenen Woche mehrmals vor dem "Blackout" - einem schwerwiegenden, langanhaltenden Stromausfall. Die Regierungsparteien würden mit ihrer Energiepolitik die Stromversorgung leichtfertig aufs Spiel setzen. Und mit diesem Schreckensszenario ist er offenbar nicht alleine. Laut einer repräsentativen Umfrage des Civey-Instituts machen sich 53 Prozent der Deutschen große Sorgen wegen möglicher Stromausfälle.

Wahrscheinlichkeit nicht höher als sonst

Ist das übertrieben? Oder doch eine realistische Gefahr? Expertinnen und Experten beruhigen: Ein langanhaltender Stromausfall ist zwar nicht ausgeschlossen - aber auch nicht sehr wahrscheinlich.

"Es kann jederzeit passieren", sagt Christian Rehtanz, Professor für Energiesysteme und Energiewirtschaft an der Technischen Universität Dortmund. "Aber die Wahrscheinlichkeit ist nicht nennenswert höher als sonst." Denn diesen Winter gebe es zwar einige Risiken - etwa unterversorgte Gaskraftwerke oder ein erhöhter Strombedarf zum Heizen. Aber diese seien alle vorher absehbar.

Geplante Abschaltungen sind denkbar

Auch Energieberater Christoph Maurer hält im WDR-Interview einen Blackout für unwahrscheinlich. Allerdings sei es möglich, einzelne Städte oder Stadtteile geplant für eine kurze Zeit vom Netz zu nehmen, um einen totalen Kollaps zu vermeiden.

Nehmen russische Hacker deutsche Energieversorgung ins Visier?

Doch nicht nur Nachschubprobleme beim Gas und ein gestiegener Bedarf an Strom könnten eine Rolle spielen in einem "Blackout"-Szenario. Auch mögliche Hackerangriffe stellen ein Problem dar, mit dem man rechnen muss. So stellt das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) seit Beginn des Ukraine-Kriegs eine "erhöhte Bedrohungslage" für Deutschland fest. Es habe bereits "einzelne, gezielte Angriffe gegen Unternehmen und Organisationen" gegeben. Dabei komme den Branchen Strom, Gas und Mineralöl eine außergewöhnliche Relevanz zu. "Der Sektor Energie stellt somit aktuell ein besonders atttraktives Angriffsziel für Cyber-Attacken dar", hieß es in einer Mitteilung. Das BSI hat daher zu erhöhter Wachsamkeit und Reaktionsbereitschaft aufgerufen.

Auch der Bundesverfassungsschutz sieht seit Kriegsbeginn in der Ukraine "eine neue Dimension" der Bedrohungslage. "Deutschland muss sich speziell auch gegenüber Cyberangriffen verstärkt wappnen", heißt es im aktuellen Verfassungsschutzbericht. Russische Nachrichtendienste zeigten die "Bereitschaft zur Sabotage".

Bundesamt rät: Für den Fall der Fälle Vorräte anlegen

Ganz unabhängig vom anstehenden Winter sowie möglicher Hackerangriffe ist ein längerer Stromausfall ein Szenario, mit dem sich viele Forschende beschäftigen. Praktisch alles hängt an der Stromversorgung. Das Bundesamt für Katastrophenhilfe und Bevölkerungsschutz ruft deswegen schon lange dazu auf, Lebensmittel und Wasser für einige Tage vorrätig zu haben, nur für den Fall der Fälle.

Europäisches Stromnetz ist eng miteinander verbunden

Laut der Bundesnetzagentur waren 2020 deutsche Verbraucher im Schnitt 10,73 Minuten lang ohne Strom, wohlgemerkt im ganzen Jahr. Dies war die bisher geringste Ausfallzeit seit der ersten Erhebung durch die Behörde 2006. Die Agentur sprach bei der Veröffentlichung der Zahlen von einem "konstant hohen Niveau" der "Versorgungszuverlässigkeit". Dennoch ist unser Stromnetz durchaus verletzlich - und hängt stark mit den anderen europäischen Ländern zusammen. So trat Anfang 2021 in Kroatien an einer Umspannstation ein schwerwiegender Fehler auf. Wenige Minuten später wurden unter anderem in Italien und Frankreich große Industrieanlagen vom Netz getrennt, um einen totalen Blackout zu verhindern.

"Kritisch wird es immer nur, wenn spontan was passiert", sagt Christian Rehtanz. "Wenn jetzt spontan in Frankreich fünf Kernkraftwerke ausfallen, bei denen wir damit gerechnet haben, dass die uns versorgen, dann würde das Blackout-Risiko wirklich steigen." Ein solches Szenario sei aber in diesem Winter auch nicht wahrscheinlicher als sonst.

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