Ausbeutung im WM-Land: Reportage aus Katar und Nepal

Gastarbeiter aus Nepal in Katar

Ausbeutung im WM-Land: Reportage aus Katar und Nepal

Von Benjamin Best

Hat sich die Lage der Gastarbeiter in Katar wirklich wie versprochen gebessert? Sport inside hat verdeckt recherchiert - und verzweifelte Menschen getroffen, die in verdreckten Unterkünften bei großer Hitze festsitzen, ohne Hoffnung. Eine erschütternde Reportage.

Es ist eine Reise in das reichste Land der Erde. Katar ist stolzer Ausrichter der Fußball-WM 2022, überall wird dafür gebaut: an den Stadien und der Infrastruktur. Aber nicht von Einheimischen - dafür sind knapp zwei Millionen Gastarbeiter im Land. Katar versprach in den letzten Jahren immer wieder, gegen die Ausbeutung der Gastarbeiter vorzugehen. Wir wollen wissen, was aus diesen Versprechungen geworden ist.

Es ist Freitagnachmittag. Unsere Informanten haben uns empfohlen zum Aletiya-Markt zu fahren, 20 Minuten vom Zentrum der Hauptstadt Doha entfernt. Hier treffen sich hunderte Gastarbeiter - aus Nepal, Indien oder Bangladesch. Damit wir nicht auffallen, drehen wir mit versteckten Kameras. Wir hören immer wieder dieselben Klagen: ausbleibender Lohn, miserable Unterkünfte und abgenommene Reisepässe, damit sie nicht wegkönnen. Viele haben Angst vor Ärger mit ihren Bossen.

"Wir sind Gefangene"

Gastarbeiter aus Nepal in Katar: Dil Prasad (l.) und Adi Gurung

Gastarbeiter aus Nepal in Katar: Dil Prasad (l.) und Adi Gurung

Wir kommen ins Gespräch mit zwei Gastarbeiter aus Nepal. Sie sind so verzweifelt, dass sie bereit sind, uns ihr Leid offen zu erzählen. Sie können nicht vor und nicht zurück. Ihr Boss hat ihnen die Pässe abgenommen. Ihre Namen: Adi Gurung und Dil Prasad. "Insgesamt sind wir 125 Arbeiter, die hier festsitzen", sagt Dil Prasad. "Wir sind Gefangene. Ich kann einfach nicht mehr. Ich will nur noch nach Hause. Wir können nicht mal unsere Familien in Nepal anrufen. Wenn die Firma doch einfach uns das Geld zahlen würde, das uns zusteht."

"Seit November erzählt uns der Firmenboss immer wieder, dass unser Gehalt kommen würde", erzählt Adi Gurung. "Immer wieder verlangte er von uns, dass wir geduldig sein sollen."

Chronik der angekündigten Verbesserungen

Grafik zur Einführung des Mindestlohns in Katar 2017

Grafik zur Einführung des Mindestlohn 2017

Was uns die beiden erzählen, dürfte es schon längst nicht mehr geben. Nach massiven internationalen Protesten gegen die brutale Ausbeutung in Katar hatte die Regierung Besserung versprochen.

2014 kündigt Katar Reformen des Kafala-Systems an, das System, bei dem der Arbeitgeber extrem starke Kontrolle auf den Gastarbeiter ausüben kann. Wer Pässe der Gastarbeiter einzieht , bricht das Gesetz. Es drohen Strafen von 50.000 Riyal - etwa 12.000 Euro.

2015 wird ein neues elektronisches Bezahlungssystem eingeführt. Die Gehälter sollen nun monatlich überwiesen werden.

2017 wird ein Mindestlohn von 750 Riyal eingeführt, umgerechnet etwas mehr als 180 Euro pro Monat.

Die Internationale Arbeitsorganisation ILO beendete ihre Untersuchung gegen Katar und lobte die bisherigen Maßnahmen wörtlich als "sehr ermutigende Entwicklung". Aber Amnesty International (zuletzt im Februar 2019) und auch Human Rights Watch berichten weiterhin von schweren Verstößen und unhaltbaren Zuständen auf den Baustellen.

Verdeckte Aufnahmen in der Unterkunft

Alte Betten in einer Unterkunft für Gastarbeiter in Katar

Alte Betten in der Unterkunft für Gastarbeiter

Zurück nach Doha zu Dil und Adi. Wir wollen überprüfen, ob die beiden Gastarbeiter aus Nepal die Wahrheit gesagt haben. Damit wir uns einen eigenen Eindruck verschaffen können, möchten wir ihre Unterkunft und ihre Kollegen sehen. Sie warnen uns: Rund um die Arbeitercamps patrouillierten Sicherheitsdienste und Polizisten in Zivil. Wer ohne Erlaubnis mit den Arbeitern im Land Interviews führt oder ihre Unterkünfte betritt, kann verhaftet werden. Beispiele dafür gibt es genug.

Sie zeigen uns ihr Camp. Wieder drehen wir mit versteckter Kamera. Die Außentoiletten für fast 200 Bewohner, 40 Grad Hitze und es stinkt beißend nach Urin. In der Ecke stehen ausrangierte kaputte Betten - Sperrmüll. Dann gehen wir hinein.

"Wir müssen aus dieser Situation gerettet werden"

Gastarbeiter in ihrer Unterkunft in Katar

Gastarbeiter in ihrer Unterkunft in Katar

Auf dem Weg in den ersten Stock dreckige Wände, tote Kakerlaken. Dil zeigt uns sein Zimmer. Klein, dunkel. Zu acht hausen sie hier. Immer mehr Kollegen kommen in das Zimmer: Sie haben Angst vor Spitzeln, die den Camp-Boss über unsere Anwesenheit telefonisch informieren. Sie fassen ganz langsam Vertrauen zu uns. Doch dann reden sie und bestätigen die Geschichte, die uns Dil und Adi erzählt haben: keine Pässe, kein Geld. "Seit Monaten bekommen wir kein Gehalt und können kein Geld nach Hause schicken. Weder das Arbeitsgericht noch die Botschaft hilft uns."

Keine der beteiligten Firmen beantwortet unsere Anfragen, auch die Behörden des Landes nicht. Der Weltfußballverband FIFA, der mit der WM Milliarden Euro verdienen wird, schreibt uns, Zitat: Die Vorwürfe, die Sie ansprechen, sind sehr schwerwiegend. Wir werden zusammen mit dem Organisationskommitee in Katar (...) diese Fälle prüfen (...).

"Manchmal stelle ich mir die Frage, ob es nicht besser wäre, tot zu sein", sagt Gastarbeiter Adi Gurung. "Wir alle müssen aus dieser Situation gerettet werden. Denn es geht auch um unsere Familien in Nepal. Meine Frau und zwei Kinder machen harte Zeiten durch. Seit sieben Monaten kann ich kein Geld schicken. Irgendjemand muss uns doch helfen."

Recherchen in Kathmandu, Nepal

Anu Gurung, Ehefrau von Adi Gurung

Anu Gurung, Ehefrau von Adi Gurung

Wir haben uns auf den Weg nach Kathmandu gemacht. Dorthin, wohin Adi nicht zurückkehren kann, weil sein Arbeitgeber seinen Pass eingezogen hat. Nepal ist eines der ärmsten Länder der Welt und die Familien der Gastarbeiter sind angewiesen auf das Geld, das ihre Väter, Brüder und Ehemänner aus Katar nach Hause schicken.

500 Kilometer von Kathmandu entfernt an der Grenze zu Indien wohnt die Familie von Adi Gurung. Seine Ehefrau ist verzweifelt, sie musste inzwischen Schulden machen in Höhe von umgerechnet 2.700 Euro, weil das Geld aus Katar ausbleibt. "Ich kann nicht erklären, wie schrecklich es uns geht", sagt Anu Gurung. "Im April hätte ich das Schulgeld für unseren Sohn zahlen müssen, aber das ging nicht. Für die Kinder versuche ich, stark zu bleiben."

Rückkehr im Sarg

Bishnu Bahadurs Sarg wird abtransportiert

Bishnu Bahadurs Sarg wird abtransportiert

Flughafen Kathmandu - vergangene Woche. Bishnu Bahadur kehrt zu seiner Familie im Sarg zurück aus Katar. Der einhundertelfte tote Gastarbeiter in diesem Jahr. Die Zahlen sind weiterhin erschreckend hoch und es ist in den vergangenen Jahren nicht besser geworden. Die nepalesische Regierung teilt uns mit, dass in den vergangenen zehn Jahren 1.426 Gastarbeiter in Katar gestorben sind. 522 - mehr als ein Drittel der Arbeiter also - an plötzlichem Herztod, 124 bei Unfällen am Arbeitsplatz. Wie viele der Todesfälle mit der WM in Zusammenhang stehen, ist unbekannt.

Wir begleiten den Sarg von Bishnu Bahadur zurück in sein Heimatdorf. Die gesamte Dorfbevölkerung nimmt Anteil. Bishnu, erzählen sie uns, hat auf verschiedenen Baustellen im Emirat Katar als Elektriker gearbeitet. Ein gesunder junger Mann, als er die Heimat verließ. "Er hat sich immer wieder über die Hitze während der Arbeit beschwert", berichtet Keshav Bhartri, Schwager von Bishnu Bahadur. "Es ist zu heiß auf den Baustellen gewesen. Er hat uns nie etwas über eine Krankheit gesagt. Hier in Nepal wurde er untersucht auch auch bei der Ankunft in Katar für die Arbeitserlaubnis wurde er untersucht. Immer war er gesund."

"Zwei Arbeiter sind vor meinen Augen im Stadion gestorben"

Der ehemalige Gastarbeiter Nagindar Yadav

Der ehemalige Gastarbeiter Nagindar Yadav

Wir haben noch einen letzten Termin in Nepal - unweit der Hauptstadt Katmandu. Anil Kanu und Nagindar Yadav haben fünf Jahre lang in Katar gearbeitet, davon mehr als ein Jahr lang für die katarische Firma Tawasol am Al-Bayt-Stadion. Ihre Verträge und diese Fotos aus dem Inneren des Stadions zeigen sie uns.

Über Monate haben auch die beiden kein Gehalt als Stadionbauarbeiter bekommen, erzählen sie. Und sie erheben weitere massive Vorwürfe gegen das Unternehmen Tawasol. "Wir hatte Angst um unsere Sicherheit vor allem in großer Höhe", sagt Nagindar Yadav. "Zwei Arbeiter sind vor meinen Augen im Stadion gestorben. Wir standen unter Schock. Haben uns geweigert weiterzuarbeiten, doch die Vorgesetzten zwangen uns. Ein anderes Mal wurden sieben Arbeiter grundlos im Büro von Tawasol verprügelt."

FIFA räumt erstmals Verstöße auf WM-Baustelle ein

Schwere Vorwürfe - Die Firma Tawasol reagiert auf unsere Anfrage nicht. Der Weltfußballverband FIFA räumt zum ersten Mal öffentlich ein, dass es auf einer WM-Baustelle Verstöße gegen die arbeitsrechtlichen Vorschriften gab. Zitat: "Uns ist seit Dezember 2018 bekannt, dass es durch die Firma Tawasol Verletzungen der Arbeitsstandards beim Bau des Al Bayt Stadions gegeben hat (...)."

Das WM-Organisationskomitee in Katar dementiert die von Gastarbeitern beschriebenen Todesfälle. Von Misshandlungen sei dem Komitee nichts bekannt. 23 Arbeitern seien inzwischen Löhne nachbezahlt worden. Solange Tawasol die Arbeitsstandards nicht einhalte, soll die Firma bei zukünftigen WM-Projekten nicht mehr zum Zuge kommen. Tawasol wurde demnach der Auftrag auf der Al-Bayt-Baustelle nicht entzogen.

Reportage von Sport inside

Sport inside zeigt die Reportage "Gefangen in Katar" von Benjamin Best am Mittwoch, 5. Juni, ab 22.55 Uhr im WDR-Fernsehen. Außerdem ist auf WDR.de und dem Youtube-Kanal der Sportschau zu finden.

On request, we offer an English translation of the transcript of full video. Please contact markus.schmidt@wdr.de

Stand: 05.06.2019, 05:00