19. Januar 1978 - Letzter VW-Käfer in Deutschland produziert

Arbeiter im Emder VW-Werk verabschieden den letzten blumengeschmückten Käfer

Stichtag

19. Januar 1978 - Letzter VW-Käfer in Deutschland produziert

Er war weder schnell noch besonders sparsam – vom Komfort ganz zu schweigen. Trotzdem schwärmen heute noch viele Autofahrer vom ersten eigenen fahrbaren Untersatz - der meist ein VW Käfer war. Nostalgisch erinnern sie sich an Heckmotor und Mini-Kofferraum unter der Motorhaube oder die Heizung, die einem nur die Wahl zwischen Frieren und Schwitzen ließ. Und an den Benzinhahn im Fußraum, den man bei nicht vorhandener Tankuhr flugs umlegen musste, um auf Reserve weiterfahren zu können.

Die Geschichte des deutschen Kultvehikels beginnt im Dritten Reich mit Adolf Hitlers Vision von einem billigen Volks-Auto. Nach einer Idee des Konstrukteurs Béla Barényi aus den 20er Jahren entwirft Ferdinand Porsche den kugeligen "Kraft durch Freude-Wagen", der ab 1939 gebaut werden soll. Doch der Zweite Weltkrieg stoppt die Serienfertigung des Massen-Mobils, bevor sie beginnt. Statt KdF-Wagen verlassen nun Wehrmachtsautos das extra errichtete Werk bei Fallersleben, bis es 1944 von den Alliierten ausgebombt wird.

Blumenvase am Armaturenbrett

Nur wenige Wochen nach Kriegsende startet in Wolfsburg, bis 1945 "Stadt des KdF-Wagens", die Produktion des Volkswagens. "Rund 18.000 Arbeitskräfte sind in dem Werk und seinen Nebenbetrieben beschäftigt. Aufträge und Rohstoffe sind für lange Zeit gesichert", meldet die Wochenschau. 1947 können Privatpersonen die ersten VW-Modelle kaufen. Vier Jahre später läuft der 250.000. "Buckel-Porsche" vom Band, das Wirtschaftswunder auf vier Rädern ist nicht mehr zu bremsen. 1955 feiert Volkswagen bereits das 1.000.000. Exemplar. Begehrtestes Extra: die Blumenvase am Armaturenbrett.

In den USA entwickelt sich das knuffige Auto aus Germany zum Verkaufshit. Dort erhält es auch seine Spitznamen "beetle" oder "bug", auf Deutsch: "Käfer". 1964 errichtet der VW-Konzern für seinen Exportschlager ein Werk in der ostfriesischen Hafenstadt Emden. Rund ein Drittel aller Volkswagen tritt von dort die Reise über den Atlantik an. Nicht zuletzt dank des riesigen Erfolgs in Nordamerika kann VW einen 45 Jahre alten Weltrekord brechen: Im Februar 1972 verlässt der 15.007.034. Käfer die VW-Werke – ein Wagen mehr als das legendäre Model T von Ford. Doch von nun an geht's bergab, zumindest in der Beliebtheitsskala deutscher Autokäufer.

Letzter Käfer aus Emden

Der steigende Erfolg des keilförmigen und deshalb anfangs als "Bremklotz" geschmähten VW Golf läutet das Ende der Käfer-Ära in Deutschland ein. 1974 verlegt der Konzern die Inlands-Montage vollständig in das Emder Exportwerk. Noch vier Jahre wird das meistgebaute Auto der Welt dort produziert. Dann, am 19. Januar 1978, ist endgültig Schluss. Lackiert in schlichtem Dakota-Beige und mit Blumengebinden verziert, rollt der letzte Käfer aus europäischer Fertigung vom Band. Wehmütig und mit Tränen in den Augen verabschieden ihn die Emder VW-Mitarbeiter ins Werksmuseum nach Wolfsburg.  

Alle hierzulande verkauften Modelle werden nun aus Mexiko importiert, bis die VW AG den Käfer 1985 vollständig aus ihrem deutschen Angebot streicht. 2003, nach 58 Jahren und insgesamt knapp 22 Millionen Exemplaren, wird im mexikanischen Puebla der unwiderruflich letzte Ur-Volkswagen mit dem luftgekühlten Boxermotor im Heck montiert. Das Werk Emden hat den Abschied vom Käfer gut überstanden. Als Hauptstandort für die Passat-Fertigung bietet es mehr als 8.000 Beschäftigten in der strukturschwachen Region Arbeit. Derzeit werden die Anlagen für eine Milliarde Euro generalüberholt. Ab 2014 soll die achte Passat-Generation in Produktion gehen.

Stand: 19.01.2013

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