21. Januar 2007 - Filmkomponist Peer Raben stirbt

Peer Raben (rechts außen), Ingrid Caven, Hanna Schygulla (links außen), Rainer Werner Fassbinder (mit Hut), Kurt Raab (vorn rechts) 1970

21. Januar 2007 - Filmkomponist Peer Raben stirbt

Filme durch Ohrwürmer veredeln oder mit opulenten Klangteppichen auslegen - so hat Peer Raben seine Arbeit nie verstanden. Rabens Kompositionen sind sperrig, sie sollen offenbaren, was die Bilder nicht zeigen. Dieser künstlerische Anspruch macht ihn zum musikalischen Alter Ego von Regisseur Rainer Werner Fassbinder.

26 Filme des Enfant terrible des deutschen Kinos hat Peer Raben vertont, darunter "Die Ehe der Maria Braun", "Lili Marleen" und "Berlin Alexanderplatz". Dennoch kennen hierzulande nur noch echte Cineasten seinen Namen. An amerikanischen Filmschulen dagegen, weiß Nachwuchs-Filmkomponist Florian Moser, gehört Rabens Werk zur Allgemeinbildung.

Erste Komposition unter Fassbinders Kommando

Die Karriere des 1940 als Wilhelm Rabenbauer geborenen Komponisten beginnt mit einem Schauspielstudium an der Folkwangschule Essen. 1966 ist er Mitgründer des radikalen Münchener Action-Theaters, dessen Inszenierungen er als Regisseur maßgeblich prägt. Eines Tages springt ein Dauergast für einen erkrankten Darsteller ein, will aber seinen Name in voller Länge auf dem Plakat sehen. Er heißt Rainer Werner Fassbinder.

Rabenbauer macht Platz, verkürzt seinen eigenen Namen zu Peer Raben und überlässt dem neuen Alphatier bald auch das Regieführen. 1968 gründen die beiden das Antitheater, zu dessen Ensemble auch Hanna Schygulla, Irm Hermann, Kurt Raab und Ingrid Caven gehören.

Als Fassbinder für die klamme Anti-Establishment-Bühne eine Bettleroper schreibt, soll der Kompositions-Autodidakt Raben die Musik verfassen. "Zuerst hat er sich geweigert. Der Not gehorchend hat er es dann doch gemacht und so fing es an", erzählt Fassbinder.

Filmmusik bis an die Schmerzgrenze

Auch bei Fassbinders Filmerstling "Liebe ist kälter als der Tod" ist Raben als Komponist gesetzt. Mit actiongeladener, treibender Musik konterkariert er die statisch-strenge Schwarzweiß-Inszenierung des Dramas. Der starke Widerspruch zwischen Bild und Musik irritiert, weiß Raben, "aber die Musik soll dazu anregen, noch auf andere Weise über das, was man sieht, zu reflektieren."

Selbst vor kakophonen Experimenten wie in "Die Ehe der Maria Braun" schreckt Raben nicht zurück. Als Grenzgänger habe er nie Angst gehabt, Dinge zu tun, die andere falsch fänden, sagt sein Bewunderer und späterer Mitarbeiter Florian Moser: "Kurz bevor es zu gefällig wird, hat er immer eine überraschende Wendung eingebaut. Diese Elemente waren Peer Rabens Markenzeichen."

Die enge Beziehung zu Rainer Werner Fassbinder endet 1982 mit dem plötzlichen Tod des Regisseurs. "Querelle" ist ihre letzte gemeinsame Arbeit.

Nach Hirnschlag zurück ins Leben gekämpft

Einen Bruder im Geiste wie Fassbinder findet Peer Raben nicht mehr. Er bleibt aber sehr gefragt, schreibt die Musik zu "Die flambierte Frau" und "Die Venusfalle" oder komponiert Chansons für Ingrid Caven nach Texten von Hans Magnus Enzensberger und Wolf Wondratschek.

1992 erleidet Raben eine Gehirnblutung. Über Monate lernt er mühsam wieder zu sprechen, seine linke Körperseite aber bleibt gelähmt. Das Komponieren will er um keinen Preis aufgeben.

Mit den beiden jungen Komponisten Florian Moser und Michael Bauer baut er Anfang der 2000er Jahre die "Werkstatt Raben" auf. Regisseure aus aller Welt reisen an, um bei Raben den zeitgemäßen Einsatz von Filmmusik zu lernen.

Schonungslos habe er deren Drehbücher seziert, erinnert sich Moser: "Vor allem verlangte er, Musik nicht als Geschmacksverstärker einzusetzen und Schwachstellen nicht mit Musik zu überkleistern." Doch viel Zeit bleibt dem Komponisten-Trio nicht. Am 21. Januar 2007 stirbt Peer Raben mit 66 Jahren in seiner niederbayerischen Heimat.

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Auf WDR 2 können Sie den Stichtag immer gegen 9.40 Uhr hören. Wiederholung: von Montag bis Samstag um 18.40 Uhr. Der Stichtag ist nach der Ausstrahlung als Podcast abrufbar.

"ZeitZeichen" auf WDR 5 (9.45 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 21. Januar 2017 ebenfalls an Peer Raben. Auch das "ZeitZeichen" gibt es als Podcast.

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Stand: 21.01.2017, 00:00