29. Juni 1911 - Komponist Bernard Herrmann wird geboren

Alfred Hitchcock und Bernard Herrmann

Stichtag

29. Juni 1911 - Komponist Bernard Herrmann wird geboren

Bernard Herrmann hat sich nicht für das Kino entschieden, sondern das Kino für ihn. Filmmusik schreiben nennt der Schüler des Komponisten Aaron Copland zeitlebens einen "unangenehmen Broterwerb"; die üppigen Klangteppiche seiner Kollegen hält er für Schund. Geprägt von modernen Werken eines Bela Bartok oder Charles Ives, erweitert Herrmann die Ausdruckskraft der Filmmusik radikal mit zuvor nie gehörten Klangeffekten und Motiven. Seine Soundtracks sind keine melodramatischen Gefühlsverstärker, sie legen die Psyche der Protagonisten bloß, machen das Unsichtbare hör- und fühlbar. Bernard Herrmann, geboren am 29. Juni 1911, gilt als der wohl einflussreichste Filmkomponist des 20. Jahrhunderts.

Ausgebildet an New Yorks renommierter Juilliard School beginnt Herrmann seine Karriere mit 23 Jahren als Komponist und Dirigent des Senders CBS. Dort lernt er mit Orson Welles das erste von zwei Filmgenies kennen, die sein Leben entscheidend prägen. Nach der ersten Zusammenarbeit bei dem legendärem Hörspiel "Krieg der Welten" dreht der als Wunderkind gehandelte Welles seinen Debütfilm: "Citizen Kane". Bernard Herrmann schreibt die Musik zu dem Klassiker und erntet dafür die erste von insgesamt fünf Oscar-Nominierungen. Bereits seine nächste Arbeit für den Film "Der Teufel und Daniel Webster" wird mit der goldenen Statue ausgezeichnet.

Symbiose aus Suggestion und Manipulation

Fortan kann sich Herrmann vor Aufträgen aus Hollywood kaum retten. Dabei ist die Zusammenarbeit mit dem als notorisch unzufrieden und selbstgefällig bekannten Komponisten alles andere als einfach. Sein Kollege David Raksin nennt ihn einen "Virtuosen des ungezielten Zorns". 1954 trifft der Choleriker auf den menschlich nicht weniger problematischen Regie-Star Alfred Hitchcock. Trotzdem entstehen in den zehn Jahren ihrer kongenialen Partnerschaft sieben Meilensteine des Thriller-Genres, darunter "Der Mann, der zuviel wusste", "Vertigo", "Der unsichtbare Dritte" und schließlich "Psycho". Hitchcocks Bildern und Herrmanns Musik, dieser perfekten Symbiose aus Suggestion und Manipulation, kann sich der Zuschauer nicht entziehen. Ihren Höhepunkt erreicht sie in der unvergesslichen Duschszene von "Psycho".

Hitchcock hatte dort keine Musik vorgesehen. Doch Herrmann erfindet jene stakkatohaft kreischenden Streicher, durch die der Wahnsinn des Norman Bates, die Wunden des nackten Opfers und die Brutalität des immer wieder zustoßenden Messers tief unter die Haut gehen – obwohl, typisch Hitchcock, nichts davon direkt im Bild zu sehen ist.

Neue Wege mit jungen Talenten

Die fruchtbare Kooperation endet 1966 bei der Arbeit an Hitchcocks letztlich misslungenen Spionagethriller "Der zerrissene Vorhang". Der Regisseur platzt mitten in die Orchesteraufnahme und zerreißt Herrmanns expressive Musik in der Luft. Beide rasten fürchterlich aus, brüllen sich nieder und sprechen nie wieder miteinander. Danach sinkt Hitchcocks Stern, während Herrmann beginnt, erfolgreich für junge Talente wie Brian de Palma, Francois Truffaut und Martin Scorsese zu schreiben. An Heiligabend 1975, einen Tag, nachdem er seine Komposition zu Scorseses Meisterwerk "Taxi Driver" abgeliefert hat, stirbt Bernard Herrmann in Hollywood an einem Herzinfarkt.

Stand: 29.06.2011

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