Schwere Zeiten für Unverpackt-Läden

Stand: 26.05.2023, 16:53 Uhr

Einkaufen ohne Verpackungsmüll: Diese Idee sorgte für einen Boom der Unverpackt-Läden. Doch nun müssen immer mehr von ihnen schließen. Ist das Konzept gescheitert?

45.000 Studierende, 30 Prozent Grüne im Stadtrat, eine florierende alternative und ökologisch bewusste Szene: Man sollte annehmen, dass es in einer Stadt wie Münster gute Bedingungen gibt für Unverpackt-Läden.

Tatsächlich lockten noch Anfang 2022 gleich drei dieser Geschäfte die ökologisch bewusste Kundschaft. Doch diese Zeiten sind offenbar vorbei. Nachdem im Frühjahr 2022 bereits zwei der Unverpackt-Läden in der Westfalenmetropole aufgaben, muss nun auch der letzte verbliebene seine Pforten schließen. "Natürlich unverpackt" schließt Ende Juni - nach sechseinhalb Jahren am selben Standort.

Erst Corona, dann der Ukraine-Krieg

Die Gründe sind nach Angaben der Inhaberin Anja Minhorst vielfältig. Schon während der Corona-Pandemie habe man viele Kundinnen und Kunden verloren. Danach kam der Ukraine-Krieg mit stark steigenden Energiepreisen im Lebensmittelbereich.

"Obwohl in der Biobranche die Preise weniger stark gestiegen sind als im konventionellen Bereich, mussten auch wir einige Preise nach oben anpassen", sagte Minhorst in einer Mitteilung. Die Folge: Es kämen nicht nur weniger Kunden, oft würde dazu auch noch "sehr punktuell eingekauft". Minhorsts resigniertes Fazit: "Zur Existenz eines kleinen Ladens reicht das nicht aus."

Zahl der Läden von 340 auf 270 gesunken

Und Münster ist da kein Einzelfall. Ob in Moers oder Wermelskirchen, in Köln oder Solingen: Überall in NRW müssen Unverpackt-Läden schließen, und die, die noch geöffnet haben, klagen über Umsatzrückgänge und Zukunftssorgen.

Nach Angaben des Bundesverbands gab es Anfang April rund 270 Unverpackt-Läden in Deutschland - etwa 70 weniger als im Vorjahr. Die Branche sei "unter Druck", heißt es in einer Mitteilung vom Herbst 2022.

Problem: "Einkaufen muss schnell gehen"

Wer im Unverpackt-Laden einkauft, muss mehr Zeit mitbringen als bei einem Einkauf im Supermarkt. Man muss vorher überlegen, was man braucht, entsprechende Gefäße mitbringen und die Lebensmittel portionieren und abfüllen.

Die Nachhaltigkeitsexpertin Petra Süptitz vom Nürnberger Konsumforschungsunternehmen GfK sieht in dem erhöhten Zeitaufwand einen Grund für die Schwierigkeiten der Unverpackt-Läden: "Wir sind alle gestresst und haben viel zu tun. Einkaufen ist etwas, das schnell gehen muss."

Zudem kauften viele Menschen zurzeit sehr preisbewusst ein, sagt Süptitz. Nachhaltige Produkte seien ihnen zwar nach wie vor wichtig. "Sie kaufen diese aber nicht mehr im Fachhandel, sondern im Discounter oder als Handelsmarken."

Trotz Krise: 115 neue Unverpackt-Läden in Planung

Ist das Unverpackt-Konzept also gescheitert? Nein, sagt Süptitz: "Die Unverpackt-Läden treffen vom Grundkonzept den Nerv der Zeit. Es ist eher eine Frage, wie man es richtig macht und seine Kundschaft begeistert."

Auch der Unverpackt-Verband blickt optimistisch in die Zukunft. Man sei davon überzeugt, "dass das Konzept 'Unverpackt' langfristig funktioniert, nachhaltig und zukunftsweisend ist". Dafür sprächen auch die aktuellen Zahlen. Laut Angaben des Verbands sind deutschlandweit derzeit 115 neue Läden in Planung.

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