Blick von unten auf einen großen Strommast aus Stahl

Strom-Wetterbericht: Auch für Deutschland sinnvoll?

Stand: 07.10.2022, 14:39 Uhr

In Frankreich könnte es bald täglich im Fernsehen und Radio sogenannte Strom-Wetterberichte geben. Bauingenieurin Lamia Messari-Becker würde das auch für Deutschland begrüßen.

Von Jörn Seidel

Die Sorge vor Engpässen in der Energieversorgung wächst überall. Frankreich hat sich für den anstehenden Krisenwinter deshalb etwas Spezielles einfallen lassen - einen sogenannten Strom-Wetterbericht. Im Fernsehen soll nach dem gewöhnlichen Wetterbericht und zwischen anderen Sendungen eine Information über die Belastung des Stromnetzes folgen. Ist das auch für Deutschland sinnvoll?

Messari-Becker: Strom-Wetterbericht "zu begrüßen"

"Ja", sagt Bauingenieurin Lamia Messari-Becker von der Uni Siegen dem WDR. "Als ein Baustein eines Gesamtplans wäre dies auch in Deutschland und eigentlich in der gesamten EU zu begrüßen."

Lamia Messari-Becker, Bauingenieurin

Professorin Lamia Messari-Becker, Bauingenieurin

Ein solcher Strom-Wetterbericht "würde die Bevölkerung mitnehmen und täglich über die konkrete Lage informieren", so die Professorin. "Man könnte viele Menschen erreichen und einen achtsamen Umgang mit Energie unterstützen."

Nach ihrer Vorstellung sollte ein solcher Strom-Wetterbericht insbesondere Aussagen über die Versorgungssicherheit, über das Energieangebot und die Energieabnahme - sowohl konventioneller als auch erneuerbarer Quellen - beinhalten.

Strom-Wetterbericht in französischem Radio und Fernsehen

In Frankreich haben sich mehrere große Medien, insbesondere Radio und Fernsehen, verpflichtet, mit ihren Wetterprogrammen ein "Energiewetter" zu verknüpfen, in dem der Spannungszustand des Netzes mithilfe eines grünen, gelben und roten Farbcodes dargestellt wird, wie die Zeitung "Le Parisien" berichtete. Die Hoffnung ist, vier von fünf Menschen auf dem Wege zu erreichen. Mit einer Anpassung des Stromkonsums soll die Bevölkerung Versorgungsunterbrechungen vermeiden helfen.

Informationen zur Belastung der Stromnetze stellt der nationale Netzversorger RTE auch ins Internet. Bei einem grünen Symbol ist der Stromkonsum im Lot, bei Gelb ist das System belastet und bei Rot drohen Versorgungsunterbrechungen, wenn der Verbrauch nicht heruntergefahren wird.

Backofen aus: Aufforderung zum Strom-Senken

Dann sind die Menschen aufgefordert, ihren Verbrauch zwischen 8 und 12 Uhr sowie zwischen 18 und 20 Uhr zu senken, etwa indem sie ihre Kleidung zu einem anderen Zeitpunkt waschen oder mit dem Gericht aus dem Backofen noch eben warten. Frankreich solle in diesen Momenten nicht zum Stillstand kommen, sondern den Verbrauch etwas herunterfahren, hieß es.

Die befürchteten Versorgungsengpässe im Atomstromland Frankreich hängen damit zusammen, dass der in die Jahre gekommene Kraftwerkspark des nationalen Energiekonzerns EDF schwächelt. Die Hälfte der 56 AKW ist im Moment für Wartungen vom Netz.

Stromausfall: Vorkehrungen auch in Deutschland

Zwar ist die Situation der Stromversorgung in Deutschland eine andere als in Frankreich. Aber auch hierzulande werden zunehmend Schutzvorkehrungen getroffen. Zu nennen seien da zum Beispiel die Städte Berlin und Potsdam, sagt Messari-Becker.

"Niemand kann derzeit Stromausfälle sicher ausschließen." Lamia Messari-Becker, Bauingenieruin

Es sei sei wichtig vorzusorgen, so die Professorin. Die Stresstests des Bundeswirtschaftsministeriums würden zwar bereits einige Risikofaktoren berücksichtigen, "aber auch nicht alles Denkbare".

Zu bedenken sei zum Beispiel auch: Wie ist die Stromsituation bei einem besonders harten Winter, oder wenn noch weniger französische AKWs Strom ins europäische Netz einspeisen sollten, oder wenn es gezielt Attacken auf die Energieinfrastruktur geben sollte?

Sorgen macht sich die Energieexpertin vor allem um die kritische Infrastruktur. Insbesondere auf die Wasserversorgung, den Gesundheits- oder auch Kommunikationsbereich hätten größere Stromausfälle drastische Auswirkungen.

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