Das Atomkraftwerk von Saporischschja

Putin annektiert AKW Saporischschja: Was das für die Sicherheit bedeutet

Stand: 07.10.2022, 08:50 Uhr

Nach der Ankündigung Russlands, das ukrainische AKW Saporischschja zu verstaatlichen, wächst die Sorge um die Sicherheit des Kraftwerks. Welche Konsequenzen hat dieser Schritt?

Wladimir Putin hat seine Regierung am Mittwoch per Dekret beauftragt, das von russischen Truppen besetzte ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja zu verstaatlichen. Das AKW ist das größte Kernkraftwerk in Europa. Russland hält die Anlage bereits seit Anfang März besetzt. Seitdem kommt es immer wieder zu Kampfhandlungen rund um das AKW - beide Kriegsparteien beschuldigen einander gegenseitig, für den Beschuss verantwortlich zu sein.

Was bedeutet die neue Entwicklung für die Reaktorsicherheit? Ist die Gefahr eines nuklearen Unfalls gestiegen? Und wie schätzen Experten das Risiko ein? Fragen und Antworten.

Wie beurteilt die Internationale Atomenergiebehörde die Lage?

Mit äußerster Besorgnis: Die Gefahr eines Unfalls im AKW Saporischschja sei nicht gebannt, sagte der der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Rafael Grossi, am Donnerstag in Kiew: "Wir sagen immer wieder, was getan werden muss, nämlich, einen Atomunfall verhindern, der immer noch eine sehr, sehr klare Möglichkeit ist."

Bereits vor Wochen hatte die IAEA eindringlich die Einrichtung einer Sicherheits- und Schutzzone rund um das AKW gefordert, um den militärischen Beschuss der Anlage zu verhindern. Eine solche Zusage hatten aber beide Kriegsparteien bisher nicht gemacht. Das Problem: Sowohl Russland als auch die Ukraine behaupten, der jeweils andere sei für die Angriffe auf das AKW-Gelände verantwortlich.

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Dennoch bemüht sich Grossi nach eigenen Angaben weiter, eine Einigung zwischen Kiew und Moskau zu erzielen. Am Freitag sind ihm zufolge Gespräche mit hochrangigen Vertretern der russischen Regierung geplant. Am Donnerstag hatte Grossi bereits mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj gesprochen.

Welche Konsequenzen könnte die russische Übernahme für die Sicherheit des AKW haben?

"Das ist ein Vorgang, den wir so noch nicht erlebt haben", sagte Uwe Stoll, technisch-wissenschaftlicher Geschäftsführer der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS), dem WDR am Donnerstag. Seines Wissens sei es das erste Mal, dass ein Atomkraftwerk Gegenstand einer "feindlichen Übernahme" werde.

Es gebe durchaus Grund zur Sorge, meint Stoll: Denn aktuell gebe es offenbar zwei Kraftwerksleiter - sowohl Russland als auch die Ukraine hätten einen Verantwortlichen benannt. "Das widerspricht jedem Verständnis, wie man ein Kraftwerk betreiben muss." Die Gefahr bestehe, dass beide Seiten widersprüchliche Anweisungen herausgeben. Wie die ukrainische Belegschaft des AKW auf eine solche Situation reagiert, könne man derzeit nicht abschätzen.

Unterdessen berichten Mitarbeiter des AKW Saporischschja von Entführungen und Folter durch die russischen Besatzer. Diese hätten versucht, die Beschäftigten durch Schläge und andere Misshandlungen einzuschüchtern, um sie dazu zu bringen, das Kraftwerk am Laufen zu halten. Ungefähr 4.000 AKW-Arbeiter seien seit der russischen Invasion geflohen.

Für Heinz Smital, Experte für Nuklearsicherheit bei Greenpeace, stellt die schlechte Behandlung der Mitarbeiter ein besonderes Sicherheitsproblem dar. "Der Druck auf die Belegschaft wird mit der erzwungenen Übernahme noch weiter steigen." Dabei sei Russland weiterhin auf die Kooperation der ukrainischen Mitarbeiter angewiesen: "Die Ausbildung von russischen Fachkräften könnte Jahre dauern."

Welche Sicherheitsbedenken gibt es aktuell?

Derzeit ist das AKW Saporischschja nicht in Betrieb. Angesichts der ständigen Gefahr durch militärischen Beschuss wurde im September der letzte von insgesamt sechs Reaktoren heruntergefahren. Allerdings hatte die ukrainische Seite erklärt, dass das AKW voraussichtlich bald wieder in Betrieb genommen werden muss. Bei Frost bestehe die Gefahr, dass Sicherheitsanlagen beschädigt werden und dass die Kühlung der Brennstäbe auf Dauer nicht aufrecht erhalten werden kann.

Für GRS-Experte Stoll würde so ein Schritt tatsächlich die Reaktorsicherheit verbessern. Denn die Stromversorgung des AKW sei durch die Kriegshandlungen ständig gefährdet. Falls der Strom dauerhaft ausfällt und auch die Notstromaggregate versagen, könne sich eine gefährliche Lage entwickeln. "Ich plädiere dafür, zwei Blöcke hochzufahren und bei niedriger Leistung laufen zu lassen, damit die Anlage selbst immer mit Strom versorgt wird."

Was wären die Auswirkungen eines nuklearen Unfalls auf Deutschland?

Das kommt ganz darauf an, wie viele Reaktoren betroffen wären und wie viel Radioaktivität austreten würde. Außerdem käme es auch auf die Windrichtung an. Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) hält das Risiko für die deutsche Bevölkerung aktuell noch für überschaubar: "Aufgrund der Entfernung zur Ukraine ist es selbst in einem Worst-Case-Szenario unwahrscheinlich, dass eine Einnahme von Jodtabletten in Deutschland erforderlich werden könnte."

Zuvor hatte Polen Jodtabletten an die Feuerwehr geliefert, die im Fall einer Atomkatastrophe an die Bevölkerung ausgegeben werden sollen.

Über die aktuelle Situation in der Ukraine berichten wir auch am Donnerstag, ab 18.45 Uhr in der "Aktuellen Stunde" im WDR-Fernsehen.

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