Mondrian und die drohende Millionenstrafe

Lokalzeit aus Düsseldorf 05.10.2023 03:19 Min. Verfügbar bis 05.10.2025 WDR Von Helge Drafz

Mondrian-Bilder: Krefeld droht eine Millionenklage aus Amerika

Stand: 05.10.2023, 14:13 Uhr

Eine amerikanische Erbengemeinschaft ist im Rechtsstreit mit der Stadt Krefeld. Dabei geht es um Bilder des Künstlers Piet Mondrian im Wert von rund 300 Millionen Euro.

Die vier Gemälde des niederländischen Malers Piet Mondrian gehören zu den Highlights der Sammlung des Krefelder Kaiser-Wilhelm-Museums. Es sind abstrakte geometrische Farbkompositionen, die Mondrian Mitte der 1920er Jahre schuf – Werke, mit denen er später weltberühmt wurde.

Die Werke gelangten bereits Ende der 20er oder Anfang der 30er Jahre in das Krefelder Museum. Jetzt fordert ein amerikanischer "Trust", der die Interessen einer Erbengemeinschaft vertritt, die Herausgabe der Bilder oder eine Entschädigung.

Die Fassade des Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld.

Es sind die Erben des Künstlers Harry Holtzman, die diese Forderung stellen. Holtzman war Mondrians Lebensgefährte in seinen letzten Lebensjahren im amerikanischen Exil. Als Mondrian 1944 in New York starb, erbte Holtzman seinen künstlerischen Nachlass. Damit gingen auch Mondrians Bilder, die sich noch im Umlauf befanden – in Ausstellungen oder im Kunsthandel -  in Holtzmans Eigentum über.

Rund ein halbes Jahrhundert später erfuhren Holtzmans Nachfahren durch eine Veröffentlichung über Mondrian von der Existenz der Bilder in Krefeld und behaupten seither, das Museum habe sich die kostbaren Gemälde unrechtmäßig angeeignet.

Keine Zahlungsnachweise mehr auffindbar

Krefelds Problem ist: Die genaue Geschichte seiner vier Mondrian-Werke lässt sich nicht mehr ganz genau rekonstruieren. Es gibt keine Quittung, keinen Kaufvertrag und auch keinen Schriftwechsel mit dem Künstler aus der Zeit um 1930.

Lediglich eine kleine Notiz in einem zeitgenössischen Dokument belegt, dass das Museum Ende der 1920er Jahre eine Ausstellung plante, in der auch Bilder des damals noch weitgehend unbekannten Piet Mondrian gezeigt werden sollten. Auch ein 80-seitiges Gutachten, das die Stadt Krefeld von zwei Kunsthistorikerinnen erarbeiten ließ, brachte keine genauen Hinweise.

Trotzdem ist die Stadt Krefeld sicher, dass die Bilder sich zu Recht im Kaiser-Wilhelm-Museum befinden. Während der Nazi-Diktatur galten auch die Werke Mondrians als "entartet". Vermutlich hatte das Museum sie zu der Zeit im Keller versteckt, um sie vor den "Säuberungsaktionen" der Nazis zu schützen. So konnten die Bilder, die damals längst nicht die Berühmtheit und den Wert von heute hatten, in Vergessenheit geraten.

Erben müssen Beweise liefern

Erst um 1950 fand sie dort der erste Nachkriegsdirektor des Museums, Paul Wember, ein berühmter Museumsmann und Freund der Avantgarde. Er war froh, dass die Kunstwerke die Nazi-Zeit überstanden hatten, und stellte sie ab 1953 auch in seinem Museum aus.

Jeder Kunstfreund konnte seitdem wissen, dass sich diese Bilder von Mondrian in Krefeld befinden, sagt Krefelds Oberbürgermeister Frank Meyer. Insofern sei es schon seltsam, dass erst 70 Jahre später plötzlich Privatleute aus Amerika die Herausgabe forderten. Krefeld sieht einem möglichen Rechtsstreit gelassen entgegen und der beauftragte Berliner Rechtsanwalt Peter Raue bestätigt die Stadt in dieser Auffassung.

Die Holtzman-Erben müssen beweisen, dass sich die Krefelder Bilder zum Zeitpunkt von Mondrians Tod 1944 noch formal in dessen Besitz befanden. Und das können sie nicht. Peter Raue

Er vermutet, die Aussicht auf einen hohen Verkaufserlös sei der Anlass für die Klage gewesen: "In den USA bekommen Anwaltskanzleien die Hälfte des erstrittenen Geldbetrages. Bei einem Wert der Krefelder Mondrian-Bilder von zusammen rund 300 Millionen Euro rechtfertigt das jede Anstrengung." In Krefeld wartet man jetzt erst einmal ab, ob das Gericht in Washington die eingereichte Klage überhaupt zulässt.