Heiligtumsfahrt in Aachen - 13.000 Pilger zum Auftakt

Stand: 12.06.2023, 08:02 Uhr

Seit mehr als 660 Jahren kommen Pilger nach Aachen zur Heiligtumsfahrt. Sie verehren vier Reliquien, die seit Karls des Großen als Schatz im Dom aufbewahrt werden. Am ersten Wochenende kamen 13.000 Menschen.

Von Wolfgang Deutz

Nach neunjähriger Pause ist wieder die Aachener Heiligtumsfahrt eröffnet worden. Normalerweise findet sie alle sieben Jahre statt, musste wegen der Coronakrise aber von 2021 auf dieses Jahr verschoben werden.

Am Auftaktwochenende sind Pilger aus der ganzen Welt gekommen. Zu Fuß, mit dem Fahrrad oder auch per Bahn und Auto. Das Aachener Bistum ist zufrieden. Bis Sonntagnachmittag waren nach Bistumsangaben mindestens 20.000 Pilgerinnen und Pilger in der Stadt.

Sie wurden an einigen Stationen mit Wasser, Brot und Äpfeln versorgt. Nach neun Jahren werden zum ersten Mal wieder die Tuchreliquien in Aachen gezeigt. Knapp 100 Teilnehmer machten sich am Sonntag zu einer Radfahrer-Wallfahrt auf, um sich die Heiligtümer im Dom anzusehen. Auch in Kornelimünster, das rund 10 Kilometer von Aachen entfernt liegt, werden seit dem Wochenende Tuchreliquien gezeigt. Dort ist zum Start der Heiligtumsfahrt auch die Propsteikirche wieder eröffnet worden. Sie war beim Hochwasser 2021 stark beschädigt worden und durfte seitdem nicht mehr betreten werden.

Bischof Helmut Dieser hatte in einem Festgottesdienst am Freitagabend im Dom die vier Tuchreliquien aus dem Marienschrein erhoben. Die Reliquien werden in den kommenden zehn Tagen öffentlich gezeigt und zusätzlich in Vitrinen im Dom ausgestellt. Zur Heiligtumsfahrt in Aachen werden bis zum 19. Juni mehr als 100.000 Pilger erwartet.

Reliquien brachte Kaiser Karl mit

Bei den Reliquien handelt es sich laut der Überlieferung um das Kleid Marias aus der Heiligen Nacht, die Windeln von Jesus, das bei der Kreuzigung getragene Lendentuch, sowie das Enthauptungstuch Johannes des Täufers.

Zwei Geistliche halten waehrend des Auftakts der "Heiligtumsfahrt" im Aachener Dom eines der vier verehrten Heiligtuemer, das Kleid Mariens.

Kleid Mariens

Die Reliquien, deren Echtheit historisch nicht belegt sind, hatte Karl der Große 799 aus Jerusalem, Konstantinopel und Rom mitgebracht. Neuere Untersuchungen haben aber ergeben, dass die Stoffe in den Jahren zwischen 300 und 500 entstanden sind.

Für viele Christen ist die Heiligtumsfahrt nach Auskunft des Bistums seit jeher die Gelegenheit, die Gemeinschaft der Gläubigen zu erleben und Glauben neu zu spüren. Die vier Aachener Reliquien werden dabei als Zeichen der Erlösung durch Jesus Christus gesehen. Für alle Pilger, die nach Aachen kommen, war und ist die Frage nach der Echtheit der Reliquien dabei nie von Bedeutung. 

Rund 3.000 Gläubige waren bei der Eröffnung dabei

Bischof Dieser vor dem geöffneten Marienschrein

Bischof Dieser beim Erhebungsgottesdienst

Vor dem Gottesdienst hatten alle Glocken der Stadt geläutet. An der Feier nahmen mehr als 3.000 Menschen in und vor dem Dom teil. Gemäß alter Tradition bat Dompropst Rolf-Peter Cremer gegen 19.30 Uhr Bischof Helmut Dieser, ob er den Marienschrein mit den Reliquien öffnen dürfe. Mit Aachens Oberbürgermeisterin Sibylle Keupen überprüfte er daraufhin die Unversehrtheit des Schlosses, das dann mit einem Hammer zerstört wurde.

Die Heiligtumsfahrt ist grün

Auch das Thema Ökologie wird bei der Heiligtumsfahrt großgeschrieben. So wurden auf mehreren Plätzen in der Aachener Innenstadt Trinkbrunnen installiert. Sie versorgen Pilgerinnen und Pilger mit kostenfreiem Wasser. Die Trinkwasser-Brunnen sind Teil des Konzepts Heifa pro Klima.

Auch sonst wird nachhaltig gedacht. So entstand ein ganzes Bündel an Maßnahmen: von CO2-Kompensation bis hin zu Ökostrom und regionalen Lebensmitteln - alles wurde bedacht. Auch die Altarbühne, die direkt neben dem Dom auf dem Katschof aufgebaut ist, besteht in weiten Teilen aus wiederverwendbaren Materialien. Hier finden die täglichen Pilgergottesdienste statt.

Heiligtumsfahrt als Protest gegen die Nazis

Nicht immer lief es in Aachen harmonisch, was die Heiligtumsfahrt anging. So ging die Wallfahrt von 1937 als Heiligtumsfahrt des stummen Protestes gegen das Naziregime in die Geschichte ein. Die NS-Presse warnte Gläubige damals vorab: "Wer am 27. Mai mit der sogenannten Prozession marschiert, die heute nichts anderes ist, als eine Demonstration gegen das Dritte Reich, stellt sich bewußt in die Reihe der Separatisten, der Kinderschänder, der Meineidigen, der Landesverräter.“ Dennoch erschienen damals eine Million Pilger zur Heiligtumsfahrt in Aachen.

Auch Ökumene wird gelebt

Die Fahrt bietet laut Bistum in diesem Jahr auch ökumenische Akzente. Dazu gehört eine Taufgedächtnisfeier mit dem Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Thorsten Latzel, und dem Metropolit der griechisch-orthodoxen Kirche in Deutschland, Erzbischof Augoustinos Labadarkis.

Am 19. Juni werden die Reliquien dann wieder in den Marienschrein gelegt, der anschließend ein neues Schloss erhält. Die nächste Heiligtumsfahrt findet, wenn alles gut geht, bereits 2028 statt, damit der Sieben-Jahre-Rhythmus wieder gewahrt wird.

Über dieses Thema haben wir am 09.06.2023 auch in der Lokalzeit Aachen im Hörfunk berichtet.