PFAS-Chemikalien: So erkennen Sie die giftigen Stoffe in Alltagsprodukten

Stand: 23.02.2023, 19:33 Uhr

Vom Pizzakarton bis zum Haarshampoo: PFAS-Chemikalien sind fast überall drin, lagern sich im menschlichen Körper ab und können krank machen. Das sollten Sie über die giftigen Stoffe wissen.

Von Nina Magoley

Vieles ist noch ungewiss bei den sogenannten Ewigkeitschemikalien PFAS. Doch was man weiß, ist beunruhigend: Sie werden in der Industrie sehr häufig verwendet, finden sich in vielen Alltagsgegenständen und sind für den Menschen höchst gesundheitsschädlich. PFAS steht für "per- und polyfluorierte Alkylverbindungen" und umfasst rund 10.000 künstliche Stoffe.

Worin stecken PFAS?

Auf dem Bild sind zwei Reihen Kleiderständer in einem Sozialkaufhaus zu sehen. Dort aufgehängt sind verschiedene Jacken.

Kritisch: Regenabweisende Kleidung

PFAS finden sich in vielen Alltagsgegenständen: Pizzakartons werden damit beschichtet, damit die Pizza nicht festklebt, genauso wie Backpapier. Ewige Chemikalien finden sich in regenabweisender Kleidung, in beschichteten Pfannen, Skiwachs, Zahnseide, Sportkleidung, in Kosmetikartikeln wie Haarshampoo. Sie werden aber auch in der Industrie und für Feuerlöschschaum benutzt.

Und weil diese Chemikalien extrem stabil sind, können sie sich in der Umwelt ablagern - auch im menschlichen Körper - und werden kaum abgebaut. Über Kläranlagen gelangen sie in Flüsse, Seen und Meere. Das Umweltbundesamt warnt: "Mit der Aufnahme von PFAS aus verunreinigten Böden und Wasser in Pflanzen und der Anreicherung in Fischen werden diese Stoffe auch in die menschliche Nahrungskette aufgenommen." Auch über die Luft und das Trinkwasser könnten Menschen die Giftstoffe aufnehmen. Viele Orte in NRW sind belastet, wie eine aktuelle Recherche zeigt.

Warum sind PFAS so gefährlich?

Umweltchemiker Martin Scheringer von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich hat sich intensiv mit PFAS beschäftigt. Er sagt, diese Stoffe gehörten zwar "nicht zu den zehn gefährlichsten Stoffen der Welt" - dennoch könnten sie Krebs auslösen, Leber und Niere schädigen, Fruchtbarkeit und Immunsystem stören und die Schilddrüse angreifen. Besonders bedenklich würden PFAS vor allem dadurch, dass sie so zahlreich sind und nicht so schnell aus der Welt verschwinden. "Je mehr wir davon verwenden, desto höher werden die Konzentrationen in der Umwelt sein - im Wasser, im Boden, in Nahrungsmitteln und auch in unserem Körper."

Und leider würden diese Stoffe sehr viel angewendet. "Wenn man das alles zusammen nimmt, muss man sagen, das ist ein wirklich gravierendes Problem, diese Stoffe sind richtig schlimm".

Die toxischen Auswirkungen der PFAS würden erst im Laufe eines Menschenlebens wirksam, sagt Marike Kolossa-Gehring, Toxikologin am Umweltbundesamt: Bei Untersuchungen im ganzen Bundesgebiet fand das Umweltbundesamt heraus, dass ein knappes Viertel der untersuchten Kinder und Jugendlichen so hohe PFAS-Konzentrationen im Blut hatten, dass gesundheitliche Schäden "nicht mehr auszuschließen" seien. Dabei ist die Konzentration dieser Stoffe im Blut der Menschen offenbar regional sehr unterschiedlich. Europaweit gesehen waren die Belastungen im Norden und Westen besonders hoch, im Süden und Osten dagegen geringer.

Aufgenommen würden PFAS beim Verzehr von Fisch, Meerestieren, Eiern, Innereien oder regional angebauten Nahrungsmitteln, sagt Marike Kolossa-Gehring - dort, wo die Böden besonders belastet sind.

Was plant die EU?

So gefährlich sind diese Stoffe offenbar, dass die EU derzeit ein generelles Verbot von 10.000 PFAS erwägt. Deutschland, die Niederlande, Dänemark, Norwegen und Schweden fordern das. Die Chemikalienagentur der EU will nun ein Verbot prüfen. 2025 könnte es zu einer Abstimmung dazu in der EU kommen.

Bayerwerk in Leverkusen

PFAS-Einsatz besonders in der Chemieindustrie

Chemiker Scheringer hält ein pauschales Verbot aller Ewigkeitschemikalien für zwingend notwendig. Auch Marike Kolossa-Gehring spricht von einem "großen Bevölkerungsexperiment", das stattfinden würde, wenn man die Stoffe im Umlauf hielte und es darauf ankommen ließe, ob ihre Gefährlichkeit sich bestätigt oder nicht.

Der Verband der chemischen Industrie hält ein Verbot dagegen für übertrieben: Schriftlich teilt der VCI mit: Für eine Bewertung dieser Chemikalien müsse "der gesamte Lebenszyklus" berücksichtigt werden. Dazu gehörten auch "die positiven Wirkungen und die Wirtschaftlichkeit ihres Einsatzes". Entscheidend sei, "dass die sichere Verwendung gewährleistet ist".

Auch der Unternehmerverband NRW ist alarmiert. Präsident Arndt Kirchhoff sagte dem WDR, solange es keine Ersatzrohstoffe gebe, würde ein Verbot "unterm Strich Deindustrialisierung bedeuten". Er verglich das mit dem Abschalten von Kraftwerken, ohne genügend erneuerbare Energie zu haben. "Ist der Ersatz noch nicht da, aus welchen Gründen auch immer, weil wir zu langsam sind, weil wir uns gegenseitig im Weg stehen, weil unsere Beteiligungsverfahren zu lange dauern, dann kann ich nur raten, wenn das Licht nicht ausgehen soll, dann sollten wir es nicht tun und das gilt natürlich auch für Chemieprodukte."

Was kann man tun, um sich zu schützen?

Zum Beispiel auf Backpapier oder teflonbeschichtete Pfannen verzichten, sagt Manuel Fernandez vom Umweltverband BUND. Manche Regenjacken seien schon jetzt als "PFAS-frei" oder auch "PFC-frei" gekennzeichnet. Auch das Gütesiegel "Blauer Engel" sei ein Hinweis darauf, dass wenige Schadstoffe enthalten sind.

Das Bild zeigt drei verschieden Einwegbecher, drei verschiedene Mehrwegbecher.

Einwegverpackungen reduzieren

Auch Marike Kolossa-Gehring rät, bei Outdoorkleidung genau hinsehen, was man kauft. Außerdem: Auf Innereien verzichten, den Gebrauch von Einweg-Kaffeebechern oder Einweg-Verpackungen reduzieren, damit der PFAS-Einsatz in der Industrie weniger wird.

Ob ein Produkt giftige PFAS enthält, ist für Verbraucher bislang oft nicht nachvollziehbar. Um Kosmetikartikel oder Kinderprodukte zu checken, sind auch Apps wie "ToxFox" oder "CodeCheck" nützlich: Man scannt den Barcode ein und erhält eine Liste der schädlichen Inhaltsstoffe.

Tatsächlich gäbe es für die Industrie in vielen Fällen alternative Herstellungsmethoden ohne PFAS, sagt Umweltchemiker Scheringer. Backpapier zum Beispiel ließe sich auch ohne die Chemikalien fettabweisend machen - indem man das dafür verwendete Holz anders mahle.

Auch viele andere Produkte ließen sich ohne PFAS herstellen - teils seien die dann nicht ganz so stark wasser- oder fettabweisend. Er gibt aber zu bedenken: Wenn zum Beispiel Skier mit PFAS-haltigem Skiwachs behandelt etwas schneller gleiten, sei das ein "Luxusgewinn, der nicht zu rechtfertigen ist mit den Problemen, die sie auslösen".