Gewalt

Ausländerkriminalität: Viele Täter von Gewalterfahrungen geprägt

Stand: 21.03.2024, 18:37 Uhr

Neue Zahlen zu Straftaten in NRW zeigen einen überproportional hohen Anteil von Nichtdeutschen bei den Tatverdächtigen. Zuwanderer seien teils mit viel Gewalt aufgewachsen, meinen Experten.  

Noch ist die neue Polizeiliche Kriminalstatistik 2023 nicht veröffentlicht. Doch NRW-Innenminister Herbert Reul hatte am Dienstag erste Zahlen genannt. Demnach sei besonders bei Gewaltdelikten der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger überproportional hoch: 40,3 Prozent bei schwerer Körperverletzung etwa, 41,6 Prozent bei Straftaten gegen das Leben, womit Mord und Totschlag gemeint sind.

Insgesamt lag der Anteil Nichtdeutscher an der Gesamtbevölkerung in NRW laut IT.NRW Ende 2022 bei 11,5 Prozent. Die meisten Menschen dieser Gruppe sind türkischer Staatsangehörigkeit, gefolgt von Syrern, Ukrainern, Polen, Rumänen.

In etwa diese Reihenfolge hat auch die Rangliste der nichtdeutschen Tatverdächtigen, die das Innenministerium am Donnerstag auf Anfrage dem WDR nannte.

In den folgenden Tabellen schlüsseln wir auf, um wie viele Tatverdächtige es geht und welche Nationalitäten in dieser Gruppe eine Rolle spielen.

Straftaten gegen das Leben (Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger an der Gesamtzahl: 41,6 %)
Türkei19,4 %(69 Tatverdächtige)
Syrien14,7 %(52 Tatverdächtige)
Polen8,7 %(31 Tatverdächtige)
Rumänien7,3 %(26 Tatverdächtige)
Serbien und Irakje 4,2 %(je 15 Tatverdächtige)
Gefährliche und schwere Körperverletzung (Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger an der Gesamtzahl: 40,3 %)
Syrien15,6 %( 2.393 Tatverdächtige)
Türkei11,3 %(1.728 Tatverdächtige)
Polen5,8 %(889 Tatverdächtige)
Rumänien5,7 %( 870 Tatverdächtige)
Irak5,3 %( 805 Tatverdächtige)
Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger an der Gesamtzahl: 27,4 %)
Syrien15,4 %( 1.000 Tatverdächtige)
Türkei9,2 %( 600 Tatverdächtige)
Irak8,2 %( 534 Tatverdächtige)
Rumänien6,0 %( 389 Tatverdächtige)
Afghanistan5,4 %( 247 Tatverdächtige)

Kriminalbeamter: Komplexe Probleme

Das Problem hinter diesen Zahlen sei vielschichtig, sagt Oliver Huth vom Bund Deutscher Kriminalbeamter NRW. Gerade junge Männer, die als Flüchtlinge in Deutschland sind, stünden oft unter hohem Druck: Viele müssten beispielsweise die Kosten für ihre Schleusung nach Europa zurückzahlen und obendrein die Familien in ihrer Heimat unterstützen. Der Unterhalt nach dem Gesetz reiche aber nur für das eigene Auskommen. "So können sie also entweder Geld sparen, illegal arbeiten oder sich dem Diebstahl hingeben."

Entwicklungsdefizite im Patriarchat

Oliver Huth im Interview

Oliver Huth, Bund Deutscher Kriminalbeamter NRW

Beim Thema Gewalt komme ein anderer Punkt hinzu: "Junge Männer aus dem arabischen Raum werden überwiegend im Patriarchat erzogen", sagt Huth. Das habe Folgen: Sie müssten ihren Platz in der Rangfolge der Familie erkämpfen, "nach oben bücken, nach unten treten".

Oftmals spiele bei der Erziehung Gewalt eine Rolle, außerdem sei die Sozialisation dieser Jungen eingeschränkt: "Als Mann können sie nicht entscheiden, wie sie sich entwickeln wollen, sie müssen das machen, was das Oberhaupt der Familie vorgibt." So entstünden Entwicklungsdefizite, die sich auch im Umgang mit Konflikten äußerten, sagt Huth - etwa bei den Themen Gewalt, Gleichstellung, Akzeptanz der Frauen.

"Großes Integrationsproblem"

Gewalt gegen Frauen, das betont Huth, sei ein gesamtgesellschaftliches Problem aller Männer, "das geht durch alle Schichten, alle Ethnien". Das sei ein Riesenproblem und habe nichts mit Nationalität zu tun. Gleichzeitig habe NRW "ein großes Integrationsproblem" angesichts der hohen Flüchtlingszahlen. Kommunen, Polizei, aber auch Schulen und Kitas seien "am Anschlag".

Viele Menschen hätten eine "teilweise sehr schwierige Fluchterfahrung". Daneben gebe es aber auch Männer mit Einwanderungsgeschichte, "die schon im Elternhaus sehr viel Gewalt erlebt haben". Diese Gewalt trete dann im Alltag, in der Schule, auf der Straße auf.

Worst case: "Patriarchat plus islamistische Ideologie"

Wir Menschen sind mehrheitlich in patriarchalen Gesellschaften sozialisiert, stellt Sineb El Masrar, Buchautorin und Journalistin, fest. Zusätzlich gebe es Länder, "wo Patriarchat plus islamistische Ideologie" als Staatsdoktrin vorherrscht. "Frauen- oder Kinderrechte gibt es dort einfach nicht." Das übertrage sich im Alltag auf die Familien und so auch auf Menschen, "die irgendwann nach Deutschland kommen und nur gelernt haben, mit Gewalt, Schlägen und Erniedrigung zu kontern".

Sineb el Masrar

Schreibt über muslimische Männer: Sineb el Masrar

Das Problem sei vor allem die kulturelle Prägung, sagt El Masrar, die über muslimische Männer geforscht hat und Mitglied der Deutschen Islamkonferenz war. "Deswegen müssen wir mit diesen Menschen ins Gespräch gehen und ihnen erklären, dass, egal wieviel Gewalt und Trauma sie erlebt haben, die Lösung nicht darin liegt, mit Gewalt zu antworten." Sie glaubt, dass man solche Traumata auch austherapieren könne, um dann "ein gutes Leben zu führen".

Täter müssen verstehen: Gewalt darf kein Mittel sein

El Masrar rät den Deutschen zu weniger "Verkrampfung" im Umgang mit dem Thema: "Wenn eine Kriminalstatistik zeigt, dass Gewalttaten überproportional von Menschen mit Einwanderungsgeschichte begangen werden, müssen wir darüber sprechen" - ohne die Angst, "dass sich jemand auf den Schlips getreten fühlt". Statt dessen falle es in Deutschland aber schwer, "über solche Probleme sehr nüchtern und sachlich zu sprechen". Um dann im nächsten Schritt analysieren und überlegen zu können, "wie man präventiv dagegen vorgehen kann".

Auch ein Gewalttäter müsse verstehen, dass er, obwohl vielleicht selber einst Opfer, in Konflikten nicht mit Gewalt, Erniedrigung oder sexuellem Missbrauch antworten kann. "Das müssen wir klar benennen, aber da ist nicht von Relevanz, welcher Herkunft dieser Mensch ist, denn er tut einem anderen Menschen Leid an." Und die Opfer würden lange Qualen davon tragen.

"Lösungen sind machbar"

Eine vielfältige Gesellschaft, sagt El Masrar, bringe viele schöne Dinge hervor, aber eben auch vielfältige Probleme. "Für ein gutes Zusammenleben muss man sich diesen Problemen ganz nüchtern stellen", dann seien Lösungen machbar.

Quellen:

  • NRW-Innenministerium
  • WDR-Interviews mit Oliver Huth und Sineb El Masrar
  • IT.NRW