Landtagsgedenken an den Holocaust

01:43 Min. Verfügbar bis 26.01.2026

Gedenkstunde im Landtag: Erschütternde Schicksale und Aufgaben für die Zukunft

Stand: 26.01.2024, 14:37 Uhr

In einer bewegenden Gedenkstunde gedachten Landtag und Landesregierung der Opfer des Nationalsozialismus. Im Fokus standen die Sinti und Roma sowie eindrückliche Schilderungen von Überlebenden.

Von Sabine TentaSabine Tenta

Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von den Alliierten befreit - Anlass der Gedenkstunde im Landtag für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Eingeladen waren Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Opfergruppen, wobei in diesem Jahr der Fokus auf den Leiden der Sinti und Roma lag.

Tief bewegt verfolgten die Abgeordneten und die Landesregierung die eindrücklichen Schilderungen von Roman Franz, Vorsitzender des NRW-Landesverbands der Sinti und Roma, von Michael Rado, Vorstand der Synagogengemeinde Köln, und von Theresia Neger, die ihre Ghetto-Erfahrungen mitteilte. Neger konnte krankheitsbedingt nicht persönlich teilnehmen, sie schilderte stattdessen in einem Video, wie sehr sie auch heute noch die Qualen der Kindheit verfolgen. Mehrfach sagte sie den erschütternden Satz: "Ich habe nur Frieden, wenn ich tot bin."

Theresia Negers Kindheit im Ghetto

Als Angehörige der Sinti und Roma wurde die 1932 geborene Theresia Neger von Deutschland nach Polen deportiert, wo sie in den Ghettos von Warschau und Siedlce "eingepfercht" lebte, wie sie es nannte, mit Jüdinnen, Juden und anderen "Zigeunern", wie sie damals diffamierend genannt wurde.

Theresia Neger, eine weißhaarige, ältere Frau, sitzt auf einem Sofa, im Hintergund sind Puppen zu sehen

Theresia Neger

Völlig ausgehungert habe eine Gruppe von Kindern erlebt, wie Uniformierte Brot in die Luft geworfen haben. Alle Kinder bückten sich und ein Soldat habe dann mit seinem Gewehrkolben auf die Köpfe der Kinder geschlagen. Theresia Neger überlebte den brutalen Schlag, war jedoch von toten Kindern umgeben.

Roman Franz schildert Überlebenskampf seines Vaters

Der Vorsitzende des Landesverbands der Sinti und Roma in NRW, Roman Franz, sagte, es falle ihm nicht leicht, das Schicksal seines Vaters zu schildern, aber "Schicksale wie das meines Vaters, gab es viele". Gebannt hörten die Abgeordneten, die Landesregierung, die Gäste zu, als Roman Franz den Leidensweg und Überlebenskampf seines Vaters vor ihnen aufblätterte:

Roman Franz bei der Gedenkfeier zum Holocaust im Landtag NRW

Roman Franz

Von der Geburt 1913 in Dresden, dem verwehrten Jura-Studium, weil er zu den Sinti und Roma gehörte, der Erfassung durch den Erkennungsdienst, der Verhaftung durch die Gestapo bis zur Deportation ins Konzentrationslager Sachsenhausen. Wie er dort kahlgeschoren, in Häftlingskleidung "dünn wie Papier" bei stundenlangem Appell in klirrender Kälte stand, um nach dem Überleben dieser Tortur zur Arbeit geführt zu werden: "Zwei Zentner schwere Säcke mussten im Laufschritt getragen werden." Von 100 Häftlingen hätten 30 bis 40 diese Qual nicht überlebt, so Roman Franz.

Typhus-Erkrankung und Einsatz im Chemiewerk

Sein Vater habe die durch Mangelernährung ("das Brot bestand aus Sägemehl und Kastanien") ausgelöste Typhus-Erkrankung ebenso überlebt wie den Einsatz in einem Chemiewerk der BASF. Dort musste er Giftgas in Bomben füllen. Er sei fast erblindet, wurde jedoch mit Tabletten, die man ihm in die Augen gab, stets soweit behandelt, dass er weiterarbeiten konnte.

Franz' Vater überlebte Gewaltmärsche von 70 Kilometern in Holzpantoffeln und die Arbeit in einem Bergwerk - bis zur Befreiung im Mai 1945. 36 Mitglieder seiner Familie kamen ums Leben.

Engagement für Rechte der Sinti und Roma

Roman Franz erzählt, wie sein Vater unmittelbar nach dem Krieg anfing, sich für die Rechte der Sinti und Roma zu engagieren. Und wie die Diskriminierung auch nach dem Krieg noch lange andauerte. "Erst 37 Jahre nach dem Krieg wurde das Leid anerkannt", so Franz, doch die Entschädigungsansprüche seien da bereits verjährt gewesen.

Zur aktuellen Lage sagte der Vorsitzende des Landesverbands der Sinti und Roma: "Der Antiziganismus erstarkt in Nordrhein-Westfalen und in ganz Deutschland." Franz äußerte die Hoffnung, dass mit der Gedenkstunde auch die Aufarbeitung des Leids der Sinti und Roma ein Stück vorankomme.

Synagogenvorstand: Großer Dank und ein Arbeitsauftrag

Michael Rado bei der Gedenkfeier zum Holocaust im Landtag NRW

Michael Rado

Auch Michael Rado, Vorstand der Synagogengemeinde Köln, erinnerte in eindrücklichen Beispielen an die Geschichte der Judenverfolgung, blickte aber immer wieder auf die Gegenwart - voller Sorge, aber auch Dankbarkeit. Rado sagte, er sei von Geburt Palästinenser, weil seine Eltern vor dem Nazi-Terror nach Palästina geflohen waren. Es sei für die Eltern unvorstellbar gewesen, dass ihr Sohn heute vor einem deutschen Parlament sprechen dürfe.

Auch der NRW-Polizei dankte Rado, dass sie Jüdinnen und Juden in NRW, sowie ihre Einrichtungen "in vorbildlicher Weise" schützten, sowie der Landesregierung und den Abgeordneten für die Unterstützung seit dem Terrorangriff der Hamas.

Rado erinnerte an die "zwischen 1.000 und 2.000 Opfer Israels", an die "25.000 Opfer in Gaza" und sagte entschieden: "Jeder Tote ist einer zu viel!" Nach den Terroranschlägen sei aus dem "Grundrauschen des Antisemitismus" in Deutschland "eine Flamme" geworden. Rado beklagte auch das "betäubend brüllende Schweigen" der Kulturträger und Intellektuellen.

Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus

WDR 5 Westblick - aktuell 26.01.2024 03:41 Min. Verfügbar bis 25.01.2025 WDR 5 Von Klaus Scheffer


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Lehrer fit machen für Kampf gegen Antisemitismus

Der Synagogenvorstand griff eine Ankündigung von Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) auf. Er hatte zuvor in einer Rede bekräftigt, das Ziel müsse sein, dass jede Schülerin, jeder Schüler einmal eine NS-Gedenkstätte besuche. 29 Gedenkstätten gebe es allein in NRW, die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau biete auch virtuelle Rundgänge durch das Vernichtungslager an. Michael Rado betonte, wichtig sei dabei auch eine gute Vor- und Nachbereitung durch die Lehrkräfte. Bei ihnen sieht er eine besondere Verantwortung.

"Wer als Lehrer bei antisemitischen Äußerungen nicht unmittelbar eingreift, hat eine erste wichtige Chance vertan", ist sich Rado sicher. Darum müssten Lehrer gezielt in Seminaren vorbereitet werden, wie man Rassismus begegnet. Das müsse trainiert werden. Die Abgeordneten bat er, ein entsprechendes Gesetz auf den Weg zu bringen. "Ich verlasse mich auf Sie."

Kuper und Wüst begrüßen Demonstrationen

Eine Anregung, die angesichts der Reden von Landtagspräsident André Kuper (CDU) und Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) wohl auf fruchtbaren Boden fallen dürfte. Denn beide unterstrichen, wie wichtig der Kampf um den Erhalt von Demokratie und Freiheit sei.

Sie begrüßten, dass aktuell Hunderttausende Menschen auf die Straße gehen, um gegen Rechtsextremismus einzustehen. Kuper sagte: "Allein das Nachdenken über Deportation, wie auch immer man sie benennt, ist eine Schande und Ungeheuerlichkeit!" Und Hendrik Wüst versprach, sich "jeder Art der Diskriminierung und Menschenfeindlichkeit" zu widersetzen.

Ausstellung im Landtag zu Sinti und Roma

Der diesjährige Schwerpunkt des NS-Opfergedenkens wird im NRW-Landtag von der Ausstellung "Rassendiagnose Zigeuner" des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma begleitet. Sie ist vor dem Plenarsaal zu sehen. Landtagspräsident Kuper nannte die Ausstellung "ein eindrückliches Zeichen der Anerkennung der Leiden, der Entrechtung und der Grausamkeit, die die Sinti und Roma während der Terror- und Gewaltherrschaft in Nazi-Deutschland erleiden mussten".

Über dieses Thema berichten wir auch am 26.01.24 im Westblick auf WDR 5.