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MEINUNG

Fachkräfte-Einwanderung: Wer will schon nach Deutschland?

Stand: 03.12.2022, 06:00 Uhr

Mit dem derzeitigen Niveau der Diskussion um Einwanderung verspielt sich Deutschland wichtige Attraktivitätspunkte bei Einwanderern - und das ist ein Problem für uns alle, findet Minh Thu Tran.

Von Minh Thu Tran

Deutschland braucht Fachkräfte. Studien sagen, dass 400.000 Menschen im Jahr fehlen, in allen möglichen Bereichen. In den kommenden Jahren gehen die Babyboomer in Rente, Unternehmen können Stellen nicht schnell genug nachbesetzen und weil Beitragszahler fehlen, droht auch unser Rentensystem zu implodieren. Deutschland muss also fehlende Fachkräfte anwerben, größtenteils aus dem Ausland. Das alles ist schon seit Jahren klar.

Aber ist Deutschland überhaupt attraktiv für Zuwanderung? Ich bin gerade von einem Besuch bei meiner Familie in Vietnam zurückgekehrt und habe dort viel mit meinen Cousinen und Cousins diskutiert. Sie sind bestens ausgebildet oder gerade dabei zu studieren. Ingenieurswissenschaften, Informatik, Marketing. Und die meisten von ihnen haben Lust, einige Jahre im Ausland zu leben oder sogar für immer auszuwandern. Denn mit ihrer Ausbildung, das wissen sie, verdienen sie im Westen viel mehr als zuhause in Vietnam.

Deutschland für Fachkräfte nur dritte Wahl

Ich hätte sie gerne näher um mich herum. "Kommt doch nach Deutschland!", schlage ich vor. Unsere Universitäten sind toll und es gibt keine Studiengebühren. Unser Gesundheitssystem ist eindeutig besser als das amerikanische, für Arbeitnehmer gibt es Elternzeit und Mutterschutz. Germany is great, das sind doch alles super Argumente für Deutschland!

Darauf bekomme ich eher verhaltene Reaktionen. Denn, auch wenn das in Deutschland offenbar viele noch nicht so auf dem Schirm haben:

"Deutschland ist für gut ausgebildete junge Menschen aus dem Ausland nicht sonderlich attraktiv." Minh Thu Tran

"Deutsch ist voll schwer zu lernen", beschwert sich mein Cousin, der sich immerhin schon zwei Jahre mit Deutschkursen abgemüht hat. "Ist Deutschland nicht mega rassistisch?", fragt mich eine andere Freundin. Deutschland konkurriert mit Ländern wie Australien, Neuseeland, den USA und Großbritannien. Überall dort gibt es für sie keine Probleme mit Sprachbarrieren.

Populistische Debatte aus der Steinzeit

Da wirken die Debatten, die in den letzten Tagen hier in Deutschland zum Thema Migration und Einwanderung geführt worden sind, wirklich wie aus der Zeit gefallen. Alexander Dobrindt (CSU) spricht zum Beispiel vom "Verramschen" der deutschen Staatsangehörigkeit, Friedrich Merz (CDU) warnt vor einer Einwanderung in die Sozialsysteme und vor Menschen, die jetzt schon für den deutschen Arbeitsmarkt nicht "verwendbar" seien.

"Die Union vermischt auf gefährliche Weise unterschiedliche Ebenen von Einwanderung: illegaler Aufenthalt oder Einbürgerung für längst integrierte Menschen in Deutschland - alles wird in einen Topf geworfen." Minh Thu Tran

Selbst ukrainische Kriegsgeflüchtete sind vor dem Merz‘schen Rundumschlag gegen Einwanderer nicht sicher. Auch ihnen unterstellte der CDU-Chef kürzlich, in Deutschlands Sozialsysteme einwandern zu wollen - wofür er sich nach einem darauffolgenden Shitstorm kleinlaut wieder entschuldigte.

Worum geht’s denn eigentlich?

Doch worüber wird denn gerade diskutiert? Die Ampel-Koalition hat sich in ihrem Koalitionsvertrag vorgenommen, die Migrationspolitik umzukrempeln. Dazu gehören mehrere Gesetzesvorhaben:

Zum einen das "Chancen-Aufenthaltsrecht", das Menschen mit jahrelangen Kettenduldungen die Chance gibt, einen dauerhaften Aufenthaltstitel zu bekommen - dieses Gesetz wurde am Freitag bereits im Bundestag beschlossen.

Zum anderen geht es um leichtere Einbürgerungen. In dem Entwurf sieht die Ampel-Koalition vor, Menschen mit einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis schon nach fünf statt bisher acht Jahren die Möglichkeit zu geben, einen deutschen Pass zu beantragen. Grundsätzlich soll dann auch eine doppelte Staatsangehörigkeit erlaubt sein. Und für Ältere über 67, die schon länger als fünf Jahre in Deutschland leben, soll eine Einbürgerung auch ohne einen formellen Sprachnachweis ermöglicht werden.

Thema drei des Migrationspakets: Fachkräfte aus dem Ausland. Für sie sollen bürokratische Hürden abgebaut werden. Außerdem ist die Einführung eines Punktesystems vorgesehen, das Fachkräften die Einwanderung aus Drittstaaten erleichtert - so wie es beispielsweise schon in Kanada praktiziert wird.

Fachkräfte vs. Einbürgerungen?

Dass bei diesem politischen Projekt Gegenwind von der Union kommt, die leider auch nicht vor AfD-ähnlicher Rhetorik zurückschreckt, das war abzusehen. Überraschend für mich ist aber der Widerstand innerhalb der Ampel - das Aufbäumen der FDP. Generalsekretär Bijan Djir-Saraj warnt vor einer "Entwertung" der deutschen Staatsbürgerschaft und will erstmal eine Steigerung von Abschiebungen und Rückführungen sehen. Hä? Selbst Konstantin Kuhle, der eher dem sozialliberalen Flügel der FDP zugerechnet wird, fordert "mehr reguläre Migration". Sein Motto: Fachkräfteregelung first, Einbürgerung second. Doppel-Hä?

Ich bezweifle stark, dass man die Themen "Fachkräfte" und "Einbürgerung" wirklich voneinander trennen kann, wie die FDP das fordert. Haben wir nicht aus der Geschichte der Gastarbeiter gelernt, dass es keine gute Idee ist, Menschen nur zum Arbeiten nach Deutschland zu holen, ohne gesellschaftliche Teilhabe mitzudenken?

Wir sollten aus unserer eigenen Einwanderungsgeschichte lernen 

Die Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter im Westen, die Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter im Osten: Sie alle sind damals gekommen - und entgegen der Erwartungen der Politik auch geblieben. Sie haben Kinder und auch schon Enkelkinder bekommen. Vor allem an sie richtet sich das Vorhaben von Innenministerin Faeser zur erleichterten Einbürgerung. Und an die pensionierten Gastarbeiter, die ihr Leben lang hier malocht haben und durchaus in unsere Sozialsysteme eingewandert sind - nämlich indem sie hier ihr Leben lang eingezahlt haben.

Deutschland hat hier durchaus einiges aufzuholen. Dieser Generation von Menschen mit Einwanderungsgeschichte hat man das Leben nicht unbedingt leicht gemacht. Deutschland hat sich erst um die Jahrtausendwende - viel zu spät und widerwillig - als Einwanderungsgesellschaft begriffen.

"Statt arbeitende Zuwanderer mit offenen Armen zu empfangen, wurden sie über Jahrzehnte zu Fremden gemacht und nicht ausreichend vor rechter Gewalt geschützt. Das hat Gast- und Vertragsarbeitende und ihre Kinder oft von Deutschland entfremdet, statt sie dazu einzuladen, Deutschland und unsere Gesellschaft mitzugestalten - als gleichberechtigte Staatsbürger." Minh Thu Tran

Wenn wir in unsere Zukunft als Einwanderungsgesellschaft blicken wollen, dann sollten wir uns daran zurückerinnern und daraus lernen. Denn wie Deutschland mit den Menschen mit Migrationsgeschichte umgeht, wird auch im Ausland genau beobachtet. Wieder in eine vergiftete Debatte zu rutschen, in der allen Menschen mit Einwanderungsgeschichte vorgeworfen wird, nichts zur Gesellschaft beizutragen, oder einwandernden Menschen einfach pauschal unlautere Absichten zu unterstellen, ist für potenzielle Fachkräfte aus dem Ausland keine besonders herzliche Einladung, hier in Deutschland ihr Leben aufzubauen und Wurzeln zu schlagen.

Was denken Sie? Ist Deutschland noch attraktiv für Fachkräfte aus Drittländern? Oder müssen wir unsere Einwanderungspolitik grundlegend ändern, wie es die Ampel-Koalition gerade plant? Lassen Sie uns darüber diskutieren! In den Kommentaren bei WDR.de und auf Social Media.

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Kommentare zum Thema

78 Kommentare

  • 78 Wdr ist waterboarding 08.12.2022, 22:16 Uhr

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  • 77 Paracelsus 08.12.2022, 18:37 Uhr

    Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei. “ sagte Theophrastus Bombast von Hohenheim,. Das dürfte heute auch noch gelten. Da kann man auf der schönsten Autobahn fahren und steht im Stau, wenn zu Stoßzeiten alle ihr Kraftwerk auf diese führen. So ist es in sozialen Medien, wenn alle nur eine Meinung haben, die dann festgefahren in endlosen Schleifen den Tag bestimmen. Wo bleibt da Raum für Innovation, Zukunft und Weiterkommen? Natürlich brauchen wir Migration, was denn sonst, um neues zu lernen. Nur sollte man eben auf die Ergebnisse schauen und darauf achten, dass es positive Veränderungen sind. Deshalb muss Migration geregelt werden wie Zufluss auf Autobahn, sonst kommt es zum Stau und eben nicht zu erwünschten Bewegungen.

  • 76 Horst Schröder 08.12.2022, 12:29 Uhr

    Fehlen Fachkräfte muss man Fachkräfte ausbilden, nicht aus dem Ausland abwerben und damit ärmere Länder die Ausbildung für uns zahlen lassen. Fehlen Rentenbeiträge braucht man ausreichend Lohnniveau für Beiträge in die Rentenkasse. Lohndumping mit Ausländern im Inland, egal ob später eingebürgert oder nicht, bringt unter dem Strich weniger Sozialbeiträge und nicht mehr, dann kommen noch zusätzlich Lasten dazu. Da man aber mit den Sanktionen gegen Russland aber ohnehin bis tief in die Mittelschicht kein Auskommen mit dem Einkommen mehr hat und seit Corona-Maßnahmen nur noch mit Geld drucken statt Geld verdienen beschäftigt ist, fliegt uns sowieso das ganze Geld- und Sozialsystem um die Ohren. Es ist wirklich völlig egal wo man hinpackt, es läuft falsch.

  • 75 Hermann 07.12.2022, 16:33 Uhr

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  • 74 Anonym 07.12.2022, 01:33 Uhr

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  • 73 Anonym 06.12.2022, 21:38 Uhr

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  • 72 Staatsfunk kann weg 06.12.2022, 20:45 Uhr

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  • 71 Stoppt WDR-Gehirnwäsche ! 06.12.2022, 18:01 Uhr

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  • 70 Anonym 06.12.2022, 15:30 Uhr

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  • 69 Anonym 06.12.2022, 14:58 Uhr

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  • 68 Anonym 06.12.2022, 14:35 Uhr

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