Merle Hein aus Solingen

Ein Jahr nach der Flut: "Es hat sich gelohnt, so viel Kraft reinzustecken"

Stand: 10.07.2022, 06:00 Uhr

In unseren "Flut-Updates" erzählen Betroffene der Flutkatastrophe 2021 ihre persönliche Geschichte. Sie schildern ihre Probleme und Gedanken, die die Zeit nach der Flut mit sich gebracht hat.

Dies ist die Geschichte von Merle Hein aus Solingen-Unterburg. Ihre Großmutter hatte zwei Wochen vor der Flut einen Schlaganfall. Merle wollte zu ihr ziehen und sich um sie kümmern - dann kam die Flut und zerstörte das Haus. Merle hatte plötzlich zwei große Aufgaben. Seit dem Frühjahr wohnt sie tatsächlich gemeinsam mit der Oma im - sanierten - Haus. So geht es ihr heute:

"Man kann nicht auf Play drücken, und alles läuft normal weiter" Merle Hein

"Diese Erfahrung war wirklich die schlimmste, die ich in meinem bisherigen Leben machen musste. So was Krasses ist mir und meiner Familie noch nie passiert. Und entsprechend wirkt es auch nach. Mein Leben hat sich eigentlich komplett verändert. Abgesehen davon, dass ich ja auch wirklich monatelang jede freie Sekunde hier verbracht habe und geackert habe. Da muss man schon sagen, wurde mein eigenes Leben eher auf den Pause-Knopf gestellt.

Irgendwann ist man nervlich durch, was die Baustelle angeht. Man hat den Wunsch, wieder sein eigenes Leben zu führen. Nach diesem Jahr ist man angeschlagen. Und ich habe gemerkt, dass man nicht einfach wieder auf Play drücken kann, und alles läuft normal weiter. Am Anfang hat man sich natürlich nicht ausmalen können, was da tatsächlich für eine Arbeit auf einen zukommt."

"Man hofft, dass die Wupper bleibt, wo sie hingehört" Merle Hein

"Mein Wiedereinzug war dann Anfang Februar, und meine Oma kam im März nach. Ich war froh, als man hier mal endlich die ganzen Werkzeuge wegräumen und den Baustellenmist beiseite räumen konnte. Aber beim ersten starken Regen nach der Flut saß man hier und war quasi sprungbereit, um wieder irgendwas zu retten. Man hat den ganzen Tag gehofft, dass die Wupper bleibt, wo sie hingehört.

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Es macht Angst. Mittlerweile kann ich damit ein bisschen besser umgehen. Also ich gehe schon arbeiten, wenn es regnet, aber man baut hier dann doch Schutz auf. Ich habe mir einige Sandsäcke besorgt, und die werden dann an alle Öffnungen des Hauses verteilt. Es ist auch wichtig für den Kopf, bezüglich Hochwasserschutz vorbereitet zu sein."

"Ich nehme mir bewusst Zeit für die Dinge, die mir gut tun" Merle Hein
Merle Hein aus Solingen

Die Wupper war lange der Feind

"Wir haben uns unten an der Wupper einen netten Platz gemacht - und die Wupper war ja lange Zeit der Feind. Aber sich wieder ein vernünftiges Verhältnis zu der Wupper aufzubauen, ist sicherlich auch ganz wichtig. Man muss zeigen: Es ist schön hier, wo man wohnt, und man genießt es trotzdem. Das hier ist unser Zuhause und wir haben das ja alles gemacht, weil wir hier bleiben wollen, weil wir hier viele Erinnerungen mit verbinden. Und im Nachhinein hat sich das auch gelohnt, so viel Kraft reinzustecken.

Für mich war die antreibende Kraft immer der Gedanke, dass meine Oma nach Hause kommt. Das war das zentrale Thema für mich und wahrscheinlich auch das, weswegen ich die Kraft gefunden habe, das hier zu Ende zu bringen. Mittlerweile nehme ich mir aber auch bewusst Zeit für mich und mache Dinge, die mir gut tun - denn die Zeit hatte ich vorher nicht."

Flut Update: Merle Hein aus Solingen

Protokoll: Julius Schmidt

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