#Divigate: Wollten Intensivmediziner wirklich Panik schüren?

#Divigate: Wollten Intensivmediziner wirklich Panik schüren?

Von Nina Magoley

Die Lage auf den Intensivstationen wurde oft als dramatisch beschrieben. Seit #divigate heißt es: Das stimme nicht. Es gehe den Kliniken vielmehr ums Geld. Was ist da dran?

Die sinkenden Corona-Infektionszahlen lassen hoffen: Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt bundesweit am Mittwoch bei 72,8, und auch die Zahl der Covid-Patienten, die im Krankenhaus intensiv versorgt werden müssen, sinkt. Genau 3.879 Intensivbetten waren am Dienstag in deutschen Krankenhäusern belegt - Ende April waren es noch mehr als 5.000. Das meldete die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI).

Doch eben diese Organisation sieht sich jetzt massiven Vorwürfen gegenüber, zusammengefasst in einem "Ad-hoc-Thesenpapier", das die Zeitung "Die Welt" auf einem eigenen Server veröffentlichte. Eine Gruppe von Ärzten erhebt darin den Vorwurf, dass die Zahlen zur Intensivbetten-Belegung des DIVI während der bisherigen Pandemie teilweise nicht korrekt gewesen seien. Vielmehr hätten die oft dramatischen Berichte von gefüllten Intensivstationen mitten in der Pandemie den Zweck gehabt, Angst zu schüren.

Um den Hashtag "Divigate" entstanden in den Sozialen Medien schnell heftige Diskussionen, nicht nur unter Medizinern und Wissenschaftlern.

Gruppe stellt eigene Thesen in Frage

Zwar stellt die Gruppe die Belastbarkeit ihrer Thesen gleich in der Einleitung in Frage: "Die mangelnde Datenlage über demographische und klinische Charakteristika zum Zeitpunkt der Intensivpflichtigkeit macht eine genauere Analyse schwierig", heißt es da, und: "Mangelnde Daten zur Komorbidität lassen eine Unterscheidung von 'Intensivpflichtigkeit mit oder wegen CoViD-19' nicht zu." Doch die eigenen Vorbehalte schienen die Verfasser nicht davon abzuhalten, ihre massiven Vorwürfe zu formulieren.

So sei die hohe Belegung der Intensivbetten mit Covid-Patienten vor allem dadurch begründet, dass die Krankenhäuser viel Geld an ihnen verdienten. Auch der oft beklagte Mangel an Pflegepersonal auf den Intensivstationen sei nicht wirklich nachzuweisen.

Starker Tobak - der in Teilen der Argumentation der Corona-Skeptiker entgegenkommt. Am zweiten Tag der Veröffentlichung korrigierte die Gruppe bereits einige ihrer Behauptungen in ihrem Papier - darunter Fehler bei der Basisrecherche.

Kritik: Zahlen müssen korrigiert werden

So hatten sie zum Beispiel zunächst von einer unerklärlichen Abnahme der Intensivbetten-Gesamtkapazität im DIVI-Register geschrieben und darauf ihre Berechnungen begründet. Auf Twitter wiesen User darauf hin, dass das DIVI Intensivbetten für Kinder ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr mitgezählt hatte, um die Zahl der Corona-Patienten genauer wiedergeben zu können.

Die Verfasser des "ad-hoc"-Papiers bedanken sich nun für den Hinweis auf diesen Fehler und schreiben dazu lapidar: "Für weitere Anregungen sind wir sehr dankbar."

"Außerdem haben die Autoren geschrieben, in der esten Welle wären 3.000 und in der zweiten Welle 6.000 Corona-Patienten auf Intensivstationen behandelt worden", sagte Markus Grill, ARD-Korrespondent für Gesundheitsfragen, am Mittwoch im "Morgenecho" bei WDR5. "Tatsächlich waren das aber nur die jeweiligen Tageshöchstwerte und nicht die Zahl der behandelten Patienten, die viel höher liegt."

Intensivmedizin: "Hat vorbildlich funktioniert"

WDR 5 Morgenecho - Interview 19.05.2021 05:25 Min. Verfügbar bis 19.05.2022 WDR 5


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Auch tagesschau.de und die Website "Volksverpetzer" haben die Zahlen unter die Lupe genommen - und dabei Ungereimtheiten festgestellt.

Auf Twitter stellte Journalist Tobias Wilke am Dienstag verblüfft fest, dass die "korrigierten" Zahlen nach seinem Hinweis jetzt "einfach nur anders falsch" seien: "Erst viel zu niedrig, jetzt deutlich zu hoch."

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Immerhin: "Welt kündigt nun an, die 'Kritikpunkte' zu überprüfen", twitterte der Datenjournalist Christian Endt.

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Hauptverfasser Matthias Schrappe, der sich in dem Papier an der Universität Köln verortet, tatsächlich aber als ehemaliger Leiter der Infektiologie heute nicht mehr dort arbeitet, war am Dienstag für Medienanfragen nicht erreichbar.

DIVI regagiert: "Irreführende Vorwürfe"

Das DIVI veröffenlichte unterdessen eine Stellungnahme zu den Vorwürfen, gemeinsam mit dem Ärzteverband Marburger Bund und der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Man weise "die irreführenden Vorwürfe vom Spiel mit der Angst" aufs Schärfste zurück, ist darin zu lesen.

Ebenso den Vorwurf der "Manipulationen offizieller Statistiken und die Unterstellung, Patienten rein aus finanziellem Interesse Patienten intensivmedizinisch zu behandeln". Auch die Behauptung, die Krankenhäuser hätten Fördergeld für nie aufgebaute Intensivbetten kassiert, sei "nicht haltbar". Viele der Anwürfe Schrappes basierten "auf Fehleinschätzungen und mangelnder Kenntnis der tatsächlichen Lage in Kliniken".

Der Vorwurf, dass Menschen aus finanziellen Interessen auf Intensivstation gehalten wurden, werde in dem "Ad-hoc-Thesenpapier" aber so ausdrücklich nicht erhoben, sagte ARD-Korrespondent Grill. "Und es wäre wohl auch Unsinn. Auf der anderen Seite ist es aber auch tatsächlich so, dass Corona-Patienten in Deutschland sehr viel öfter auf Intensivstationen landen als in anderen Ländern."

Laut einer Untersuchung des Gesundheitsökonomen Reinhard Busse von der TU Berlin, die Grill zitierte, wurden "in der zweiten Welle zum Beispiel in Großbritannien oder den Niederlanden 0,5 Prozent der Infizierten auf die Intensivstation kamen, in Dänemark sogar nur 0,3 Prozent, in Deutschland aber 1,6%, also mehr als dreimal so viel".

Hinweis: In einer früheren Version dieses Beitrags wurde der Hauptverfasser des "Ad-hoc-Papiers" fälschlicherweise als Martin Schrappe bezeichnet. Tatsächlich aber heißt er Matthias Schrappe. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

Stand: 19.05.2021, 21:30

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