Drosten warnt vor Mutationen: Was wir zu den Corona-Varianten bisher wissen

Unscharf ein Mann mit Mund-Nasenschutz, im Vordergrund eine Werbetafel mit Text: "Coronavirus stay home save lives"

Drosten warnt vor Mutationen: Was wir zu den Corona-Varianten bisher wissen

Sorgt die Corona-Mutation aus England für eine "dritte Welle"? Virologe Drosten warnt vor einer raschen Ausbreitung - trotz aktuell wohl noch niedriger Zahlen. Ein Überblick dazu, was bisher über die Virusvarianten bekannt ist.

Wo haben sich die Corona-Mutationen bislang verbreitet?

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist die britische Corona-Mutation in etwa 50 Ländern nachgewiesen worden. Die südafrikanische Variante hat sich in 20 Staaten verbreitet.

Beide Mutationen sind inzwischen auch in NRW angekommen. Die südafrikanische Variante wurde deutschlandweit zum ersten Mal bei einer Familie in Bottrop nachgewiesen. Die britische Mutation bilde in Deutschland gerade "erste kleine Cluster", sagte Virologe Christian Drosten am Freitag in Berlin. Die Corona-Mutation sei über die Feiertage durch Reisende eingeschleppt worden, allerdings nicht nur aus Großbritannien, sagte Drosten.

Wie weit sich die britsche Variante namens B1.1.7 tatsächlich verbreitet hat, ist noch unklar. Es gebe derzeit keine klare Datenlage, so Drosten. Anders als in Großbritannien wurde in Deutschland bisher selten eine sogenannte Sequenzierung durchgeführt, bei der die genaue Abfolge der Virus-RNA bestimmt und so Veränderungen erkennbar gemacht werden. Seit Dienstag (19.01.2021) sind Labore unter der Federführung des RKI verpflichtet, mindestens fünf Prozent der positiven Proben auf Gen-Mutationen zu untersuchen.

Wie viele Mutationen des Coronavirus wurden bislang entdeckt?

Insgesamt drei Mutationen des Coronavirus sind bisher bekannt. Nach der Variante B1.1.7 in Großbritannien ist in Südafrika die Mutation B.1.351 (auch 501Y.V2) des Coronavirus aufgetreten. Eine weitere, nicht bekannte Virusmutation wurde in Japan nachgewiesen, die von Reisenden aus dem Amazonasgebiet in Brasilien nach Tokio eingeschleppt wurde und der südafrikanischen Variante ähneln soll. Großbritannien hatte deswegen ein Einreiseverbot für Südamerikaner verhängt.

Die in Brasilien kursierende Variante ist am 21. Januar erstmals in Deutschland aufgetaucht. Diese sei bei einem hessischen Patienten festgestellt worden, sagt Hessens Sozialminister Kai Klose. Die infizierte Person war aus Brasilien eingereist.

In einem Garmisch-Partenkirchener Krankenhaus wurde möglicherweise eine zusätzliche Variante entdeckt. Nach einem Corona-Ausbruch hatten erste Tests ergeben, dass es sich weder um die südafrikanische, die britische noch die brasilianische Variante handelt. Die Klinikleitung geht aber von einer "Punkt-Mutation" aus, die vielleicht "nächste Woche schon Geschichte ist". Auch Christian Drosten von der Charité, in der die Proben untersucht werden sollen, twitterte: "Wir haben keinerlei Hinweis auf eine besondere Mutation."

Sind die Mutationen gefährlicher?

Vorweg: Virus-Mutationen sind nichts Seltenes, sie passieren ständig und zufällig. Dabei verändert das Virus seine Erbinformationen - in ganzen Genblöcken oder auch nur punktuell. Punktmutationen sind besonders häufig: Bis September waren 12.000 allein beim Coronavirus bekannt. Wie schwer eine Infektion verläuft oder wie ansteckend sie ist, hängt davon ab, wie umfangreich die Mutation war. Durchsetzen wird sich schließlich die Variante, die am meisten Menschen infiziert. Das ist gerade in Großbritannien zu beobachten.

Britische Forscher gingen zunächst davon aus, dass die Mutation in Großbritannien um 50 bis 70 Prozent ansteckender als bisherige Formen von Covid-19 ist. Ein Wert, der laut Charité-Chefvirologe Drosten zu hoch gegriffen war. Nach Auswertung der aktuellen Daten läge die zusätzliche Infektiosität zwischen 22 und 35 Prozent, sagte er.

Das bedeute aber nicht, dass man die Mutation deshalb weniger ernst nehmen sollte. Dagegen spricht auch, dass die britische Variante nach ersten wissenschaftlichen Erkenntnissen möglicherweise mit einem erhöhten Sterberisiko einhergeht. Darüber sei die Regierung informiert worden, sagte Premierminister Boris Johnson am Freitag.

Der wissenschaftliche Berater der Regierung, Patrick Vallance, erklärte, bei Männern im Alter von 60 bis 69 Jahren sei bisher unter 1.000 Infizierten mit zehn Todesfällen infolge der Infektion zu rechnen. Bei der mutierten Virus-Form liege diese Zahl hingegen bei etwa 13 bis 14 Todesfällen.

Drosten begrüßte die verschärften Maßnahmen, von Alltagsmasken auf FFP2- beziehungsweise OP-Masken zu wechseln: "Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, die Mutationen unter Kontrolle zu bringen."

Patienten in Johannesburg werden auf das Coronavirus getestet

Corona-Testzentrum in Südafrika

Erste Studien zufolge sollen speziell jüngere Menschen unter 20 Jahren für die Mutation empfänglich sein. Die WHO sieht keine eindeutigen Beweise, dass die südafrikanische Variante Menschen schwerer krank macht. Sie warnte allerdings, dass auch diese in einem erhöhten Maße übertragbar sein könnte.

Schützen die Corona-Impfstoffe auch gegen die Mutationen?

In einer ersten Studie des deutschen Impfstoffherstellers Biontech konnten die Antikörper von geimpften Menschen die mutierten Viren mit den Schlüsselmutationen der neuen Varianten aus Südafrika und Großbritannien neutralisieren. Die für die Studie genutzte künstliche Mutation enthielt jedoch nicht das komplette Spektrum der Veränderungen der kursierenden Varianten.

Nach Einschätzung des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) sollten die zugelassenen Covid-19-Impfstoffe auch gegen die Virus-Varianten schützen. Sollte wegen der Mutationen eine Anpassung der Baupläne der Impfstoffe nötig werden, was innerhalb von sechs Wochen möglich sei, könne eine Zulassung schnell erfolgen.

Was bedeuten die Mutationen für Reisende?

Die britische Virusmutation hat die Zahl der Coronainfektionen in Irland explodieren lassen. Das Land NRW hat deshalb die Testpflicht für Einreisende und Reiserückkehrer aus Irland erweitert. Sie gilt zudem weiter, wenn man aus Großbritannien oder Südafrika nach NRW kommt. Das geht aus der neuen Corona-Einreiseverordnung hervor. Einreisende aus diesen Staaten müssen sich für zehn Tage in Quarantäne begeben und innerhalb von 48 Stunden testen lassen. Bei einem zweiten negativen Test nach fünf Tagen endet die Quarantänepflicht.

Amußerdem wurde bekannt, dass sich die britische Variante auch in Portugal rasch ausbreitet. Dort gingen etwa 20 Prozent aller Neuinfektionen auf diese Mutation zurück.

Stand: 22.01.2021, 20:30

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