Gewaltschutz für Frauen | WDR Aktuell
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Sexuelle Belästigung: Warum viele Frauen nicht darüber sprechen
Stand: 20.02.2025, 13:35 Uhr
Der Landtag in Düsseldorf spricht am Donnerstag über einen besseren Schutz von Frauen und Kindern vor Gewalt: Hintergrund ist das kürzlich beschlossene Gewalthilfegesetz. Und Außenministerin Annalena Baerbock berichtete vor kurzem erstmalig, wie sie als Jugendliche sexuell belästigt wurde. Warum das Schamgefühl oft groß ist und viele Frauen sich nicht trauen, über ihre Erfahrungen zu sprechen.
Von Daniel Schwingenheuer
"Als die #MeeToo-Debatte aufkam, da ist mir eine Szene in den Sinn gekommen, die habe ich meiner Mutter noch nicht einmal erzählt." Außenministerin Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen) hat im Wahlkampf viele Termine. Auch im Podcast "G Spot" von Germany’s Next Topmodel Gewinnerin Stefanie Giesinger ist sie zu Gast.
Als es um das Thema sexuelle Belästigung geht, wird Baerbock nachdenklich und berichtet von einem Vorfall, den sie selbst erlebt hat und bislang nicht öffentlich gemacht hat. Als junge Frau sei sie auf dem Land häufig Bus gefahren.
"Und da saß irgendwann mal ein Mann neben mir, ein älterer Herr, der dann anfing seine Hand auf mein Bein zu legen. Ich bin natürlich immer weiter weggerutscht, habe aber fünf Stationen gebraucht, um mich zu trauen mich wegzusetzen."
Der Vorfall ist Jahrzehnte her. Erst jetzt berichtet Baerbock davon. So wie ihr geht es vielen Frauen.
Zwei von drei Frauen erfahren sexuelle Belästigungen

Annalena Baerbock hat in einem Podcast über sexuelle Belästigung gesprochen
Jede dritte Frau wird in Deutschland in ihrem Leben mindestens einmal Opfer von physischer und/oder sexualisierter Gewalt, schreibt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) auf seiner Webseite. Sexuelle Belästigung, wie im Fall von Annalena Baerbock, erleben sogar zwei von drei Frauen.
Der Blick nach NRW zeigt, dass zuletzt die gemeldeten Sexualdelikte sogar leicht angestiegen sind. Laut der Kriminalstatistik für das Jahr 2023 gab es rund 32.500 Fälle – ein Plus von 3 Prozent. Innenminister Reul sagte dazu: "Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Zeigen Sie an. Trauen Sie sich. Unsere Polizei nimmt jeden Hinweis ernst."
Viele Frauen sprechen nicht über das, was ihnen passiert ist. Die Dunkelziffer ist hoch. Warum ist das so?
Warum sprechen viele Frauen nicht über ihre Erfahrungen?
"Scham- und Schuldgefühle", benennt Traumafachberaterin Miriam Reinhart von der Frauenberatungsstelle Gladbeck zwei der Gründe, warum viele Betroffene ihre Erlebnisse für sich behielten. Zudem das Wissen darüber, dass Opfern häufig nicht geglaubt würde.
"Viele Frauen tendieren außerdem dazu, sich selbst in Frage zu stellen. Warum habe ich das zugelassen? Warum habe ich mich in diese Situation gebracht? Hätte ich was anders machen müssen?" Es gelte häufig noch als Zeichen von Schwäche, dass einem so etwas passiert sei.
Es wird die Betroffene gefragt: Warum konntest du es nicht verhindern? Anstatt den Täter zu fragen: Wie konntest du dich so frei fühlen, das zu probieren? Traumafachberaterin Miriam Reinhart, Frauenberatungsstelle Gladbeck
Dazu komme die häufig gestellte Frage, warum eine Betroffene in einer Situation denn nichts gesagt hätte. Das Schweigen lässt sich aber erklären.
"In einer bedrohlichen Situation kann der Körper entweder Fliehen, Kämpfen oder Einfrieren – ganz häufig ist es tatsächlich das Einfrieren. Das Nervensystem ist überreizt, das System schaltet auf Autopilot", erklärt Traumafachberaterin Reinhart.
Gibt es ein "zu lange her", um darüber zu sprechen?
Sexuelle Nötigung verjährt nach 20 Jahren – das eigene Empfinden hat kein Ablaufdatum! Traumafachberaterin Miriam Reinhart, Frauenberatungsstelle Gladbeck
"Es kommt hoch, wenn’s hochkommt", erklärt Reinhart. Bei den Frauen, die bei ihr Hilfe suchen, sei der Leidensdruck manchmal so hoch, dass einige nicht arbeitsfähig seien, sie an Panikattacken litten, ihre Umwelt für kurze Sequenzen nicht mehr wahrnehmen oder keine Beziehungen führen könnten. Auch die Geburt des eigenen Kindes könne triggern und das Erlebte wieder hochkommen lassen. "Es gibt verschiedene Auslöser, warum Frauen merken, dass sie so nicht weiterleben können."
Vor allem seien die 60er, 70er und 80er Jahre häufig sehr hart im Umgang mit sexueller Belästigung gewesen. Vieles wurde abgestempelt als: "Das musst du halt ertragen, Mädel!" Das Erlebte würde häufig verdrängt und käme dann nach vielen Jahrzehnten wieder hoch.
Gewalthilfegesetz Thema im NRW-Landtag
Auch im NRW-Landtag ging es heute um die Frage, was getan werden kann, um Frauen und auch Kinder vor sexualisierter Gewalt zu schützen. Nachdem der Bundesrat dem Gewalthilfegesetz vor wenigen Tagen zugestimmt hat, haben Frauen und Kinder ab Anfang der 2030er-Jahre einen Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung. Im Landtag wurde darüber diskutiert, wie dieser Rechtsanspruch umgesetzt werden kann und welche Herausforderungen auf die Kommunen zukommen. Das könnte beispielsweise ausreichender und kostenloser Zugang zu Frauenhäusern sein.
Traumatherapeutin Reinhart sieht das Gesetz positiv: "Das ist ein guter erster Ansatz. Das Frauenhilfesystem ist maßlos unterfinanziert."
Hilfeangebote
Seit 2013 gibt es das bundesweite Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen". Es ist das erste bundesweite Beratungsangebot, das Frauen rund um die Uhr zur Verfügung steht. Die Beratung ist an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr erreichbar.
Auch bei vielen Veranstaltungen in NRW gibt es inzwischen Angebote, die Frauen davor schützen sollen, Opfer von sexueller Gewalt zu werden. Am kommenden Montag sind beim Karnevalsumzug in Münster-Wolbeck die sogenannten Partyguides unterwegs. Das sind Frauen in pinken Warnwesten, die andere Frauen über mögliche Risiken beim Feiern aufklären, unter anderem auch über sexuelle Belästigung.
Ein weiteres Beispiel ist das Hilfeangebot "Panama". Unter anderem Borussia Dortmund setzt das Konzept während der BVB-Heimspiele im eigenen Stadion um. Auch bei sexueller Belästigung können Betroffene einem Stadionmitarbeitenden das Codewort "Panama" nennen und bekommen „sofort und ohne Fragen oder Urteile Hilfe.“
Die Angebote sind einzelne Maßnahmen. Aber wie schaffen wir es als Gesellschaft, sexueller Belästigung vorzubeugen?
"Darüber reden! Selbstwirksamkeit aufbauen. Und allen klarmachen, dass es auch Grenzüberschreitungen gibt, obwohl die Betroffene nichts sagt", fasst Traumafachberaterin Reinhart zusammen. "Letztendlich kommt es aber auch auf die Erziehung an, dass wir Jungs die Grenzen zeigen und Mädchen beibringen, dass sie ihre Wut auch rauslassen dürfen und laut sein können."
Auch Mädchen dürfen ein NEIN üben. Traumafachberaterin Miriam Reinhart, Frauenberatungsstelle Gladbeck
Unsere Quellen:
- Interview mit Miriam Reinhart, Frauenberatungsstelle Gladbeck
- Podcast "G Spot"
- Webseite des Hilfetelefons
- Webseite der NRW-Landesregierung
- Webseite von Borussia Dortmund
Über dieses Thema berichten wir auch am 20.02.25 im WDR Radio: ab 7 Uhr in den Hörfunk-Nachrichten.