Aus für das Telegramm nach 150 Jahren

Stand: 29.12.2022, 10:25 Uhr

Wann haben Sie zum letzten Mal ein Telegramm verschickt oder bekommen? Nur wenige hatten diesen Kurznachrichten-Dienst zuletzt genutzt. Nun stellt ihn die Deutsche Post zum 31.12. ein - als eine der letzten Postgesellschaften weltweit.

Heute wissen überwiegend noch die Älteren, was ein Telegramm ist: eine vor Ort aufgegebene Kurznachricht, die binnen weniger Stunden und über lange Distanzen hinweg als physischer Brief beim Adressaten ankommt.

Mit Hilfe akustischer, optischer oder elektrischer Geräte wurden Neuigkeiten telegrafisch übermittelt. Als einer der Erfinder gilt der Arzt Thomas von Sömmering, der 1809 einen Telegrafen auf elektro-chemischer Grundlage entwickelte. In den USA stellte 1837 Samuel Finley Morse den ersten elektrischen Telegrafen mitsamt einem Morsecode vor.

Morseverbindung per Unterwasserkabel

Telegramm mit Todesnachricht

Telegramme übermittelten Todesnachrichten.

1858 gab es eine Morseverbindung zwischen Großbritannien und den USA per Unterwasserkabel. Damals war das eine Revolution: Während die Zusendung eines Briefes mehrere Tage oder Wochen dauerte, bot das Telegramm die Möglichkeit, Informationen binnen Stunden zukommen zu lassen. So wurden Liebesbotschaften verschickt - und Kriege erklärt.

Telegrammstil aus Kostengründen

Und das möglichst kurz und knapp gefasst. Denn teuer war es immer. Da sich die Kosten nach der Wortanzahl richteten, bürgerte sich ein sogenannter Telegrammstil ein - statt "Ich komme am Dienstag um 15:00 Uhr an", schrieb man kürzer: "Ankomme Dienstag 15 Uhr."

"Das Telegramm hat uns nachhaltig geprägt", erklärt WDR-Wirtschaftsredakteur Michael Westerhoff. "Der Abkürzungsstil, den heute noch viele bei WhatsApp-Nachrichten pflegen, stammt daher. Da das Telegramm nach Worten bezahlt wurde, musste man Buchstaben sparen. Das hat sich später bei dem SMS so fortgesetzt. Da durfte man anfangs auch die 160 Zeichen nicht überschreiten."

Telegramm über die Unterredung Wilhelms I. v. Preußen mit dem frz. Botschafter Benedetti

Telegramme spielten eine wichtige Rolle in der Politik.

In der Regel wurden die Textnachrichten auf einem Postamt "aufgegeben" oder per Telefon diktiert - und dann per Brief zugestellt. So konnte man auch an Menschen, die keinen Telefonanschluss hatten, wichtige Informationen übermitteln.

Postgeheimnis und persönliche Zustellung

Wie für Briefe gilt auch hier das Postgeheimnis - niemand darf den Text verändern. Und bis heute wird das Telegramm an dem vom Kunden gewünschten Zustelltermin persönlich vom Postboten übergeben - falls der Empfänger anzutreffen ist. Überholt ist das Telegramm, seit man Kurznachrichten auf dem Handy verschicken kann, allemal.

Geringe Nachfrage wegen Handy und SMS

In den 1970er-Jahren war das Telegramm ein Massenmedium - 1978 wurden 13 Millionen Telegramme verschickt. Zuletzt schien der Mitteilungsdienst aus der Zeit gefallen. Eine Zustellung am Sonntag oder ins Ausland war schon seit vier Jahren nicht mehr möglich. Weil die Nachfrage zu gering sei, stelle man den Dienst nun ein, heißt es als Begründung bei der Deutschen Post.

"Wirtschaftlich wäre es sicher vernünftiger gewesen, den Service schon vor zehn Jahren einzustellen. Schon da wurden nur noch vereinzelt Telegramme verschickt. Die österreichische Telekom hat den Service bereits 2005 eingestellt", sagt Westerhoff.

Geburtstagsgruß per Postboten

Auch Frankreich, die Schweiz und Ungarn haben das Telegramm längst abgeschafft. Zuletzt hatten in Deutschland die meisten Menschen den Dienst eher aus Spaß genutzt. Weil es eben eine originelle Geschenkidee war, einen Geburtstagsgruß persönlich mit einem Schmucktelegramm vom Postboten bringen zu lassen.

Bis 30. Dezember könnte man also noch einmal ein Telegramm versenden. Kostenpunkt: bis 480 Zeichen für 18,35 Euro - aber ohne Schmuckblatt.

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