Karlspreis-Trägerin Tichanowskaja: "Alle müssen unseren Kampf unterstützen"

Stand: 26.05.2022, 18:06 Uhr

Zusammen mit zwei weiteren belarussischen Bürgerrechtlerinnen hat Swetlana Tichanowskaja den Aachener Karlspreis erhalten. Ein Interview über den Widerstand gegen einen Diktator, Solidarität in Europa und den Krieg in der Ukraine.

WDR: Frau Swetlana Tichanowskaja, wie haben Sie die Preisverleihung erlebt? Macht Sie das ein bisschen stolz, in einer Reihe zu stehen mit Politikern wie Emmanuel Macron oder António Guterres?

Swetlana Tichanowskaja: Natürlich stehe ich hier im Namen des belarussischen Volkes – trotzdem bin ich auch stolz darauf. Ich muss Ihnen sagen, dass die Menschen des Belarus diesen Preis wirklich verdient haben, denn im Jahr 2020 haben sich die Menschen erhoben in unserem Land. Lukaschenko hat die Wahlen ja verloren und die meisten Menschen kämpfen dort nun um ihre Zukunft.

WDR: Es ist natürlich auch Ihr persönlicher Mut, der da ausgezeichnet wird. Aber reden wir über Politik: Diktator Lukaschenko sieht sich als Präsident und er steht an der Seite des russischen Präsidenten Putin. Wie sehen die Menschen in Belarus den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine?

Tichanowskaja: Zuerst einmal weiß Lukaschenko natürlich, dass er die Wahl verloren hat. Aber mit der Unterstützung aus dem Kreml ist er an der Macht geblieben und schafft es, die Zivilgesellschaft in unserem Land zu unterdrücken, und auch alternative Medien zum Verstummen zu bringen und Menschen in Gefängnisse zu werfen.

Im Jahr 2020 ist er ein Kollaborateur Putins geworden - auch im Kampf gegen die Ukraine. Er hat unser Land zur Verfügung gestellt. Von dort wurden Waffen gegen die Ukraine abgeschossen. Er hat Belarus zur Abschussrampe für Raketen gegen die Ukraine gemacht. Aber wir müssen unterscheiden zwischen dem russischen Regime und russischen Menschen, die vielleicht auch dagegen sind.

"Wenn die Ukraine gewinnt, gibt es auch für uns eine Chance zu gewinnen." Swetlana Tichanowskaja

Wir in Belarus haben zum Beispiel Sabotageakte an russischen Eisenbahnlinien durchgeführt, um der Ukraine zu helfen. Hunderte unserer Männer haben sich der ukrainischen Armee angeschlossen. Das Schicksal der Ukraine und des Belarus ist eng verwoben. Wenn die Ukraine gewinnt, gibt es auch für uns eine Chance zu gewinnen.

Swetlana Tichanowskaja im Gespräch mit Susanne Wieseler

Swetlana Tichanowskaja im Gespräch mit Susanne Wieseler

WDR: Vielleicht darf ich noch mal persönlich fragen: Ihr Mann sitzt im Gefängnis, genau wie Ihre Mitpreisträgerin Maria Kalesnikava. Was wissen Sie darüber, wie es Ihrem Mann geht? Weiß er von dem Karlspreis?

Tichanowskaja: Mein Mann ist jetzt schon zwei Jahre im Gefängnis. Anderthalb Jahre davon hat er in Einzelhaft verbracht. Maria Kalesnikava ist in einem sehr schlechten Zustand. Aber es gibt bei uns tausende politische Gefangene und sie werden schlechter behandelt als echte Kriminelle. Man unterbindet Kommunikation nach außen. Sie dürfen ihre Familien nicht anrufen. Sie haben keine normalen Zellen. Alles ist überfüllt. Sie werden häufig in Einzelhaft gehalten. Es gibt nicht genug zu essen.

"Wir haben die Verpflichtung, sie nicht aufzugeben, sondern sie zu unterstützen." Swetlana Tichanowskaja über ihre Mitstreiter im Gefängnis

Aber ich muss trotzdem sagen, dass die Menschen, die da hinter Gittern sitzen, besonders starke Menschen sind. Sie haben ihre persönliche Freiheit und ihr Leben aufgegeben, um für ihr Land zu kämpfen, für Freiheit und Demokratie. Und wir haben die Verpflichtung, sie nicht aufzugeben, sondern sie zu unterstützen. Alle müssen unseren Kampf unterstützen.

Wir bitten Sie nicht darum, zu kommen und den Kampf für uns zu führen, sondern uns dabei zu unterstützen, dass wir ihn führen können. Wir möchten, dass die Menschenrechte verteidigt werden. Natürlich auch für unsere politischen Gefangenen, aber auch für uns ganz allgemein.

WDR: Großen Respekt für Ihren Mut und danke im Namen aller Menschen in Europa.

Tichanowskaja: Danke Ihnen, vielen Dank!

Das Interview führte Susanne Wieseler für die Aktuellen Stunde im WDR-Fernsehen am 26. Mai. Für die schriftliche Fassung wurde es sprachlich bearbeitet.

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