14. September 1929 - Eiserne Lunge wird erstmals vorgestellt

Ein männlicher Patient liegt in der eisernen Lunge und wird von einer Klankenschwester betreut

Stichtag

14. September 1929 - Eiserne Lunge wird erstmals vorgestellt

Seit ihrem elften Lebensjahr lebt Martha Mason aus Lattimore, North Carolina, in der Waagerechten, jede Minute, jeden Tag und jede Nacht luftdicht eingeschlossen in einem über zwei Meter langen lärmenden Zylinder aus Stahl. Nur ihr Kopf ragt aus der monströsen Maschine. "Man nennt das Gerät Eiserne Lunge. Für mich bedeutet es eine riesige Kanne voll frischer Luft", sagt sie, geboren 1937. Zuvor hatte eine Kinderlähmung ihren Körper nach und nach geschwächt. Seit 1900 hatte sich die Krankheit epidemieartig auf der Welt verbreitet. Mediziner und Eltern sind verzweifelt und hilflos. Gelähmte Muskeln und Zwerchfell führen zu einer Ateminsuffizienz, die Kinder sterben langsam. Bevor die Krankheit dank der Polioschluckimpfung in den meisten westlichen Ländern nahezu ausgerottet wird, rettet die monströse, bis zu 600 Kilogramm schwere Eiserne Lunge vielen Patienten das Leben. "Die Eiserne Lunge war das erste klinische Gerät, das die vitale Funktion der Atmung erhalten konnte", sagt Dr. Simone Rosseau, Beatmungsmedizinerin an der Berliner Charité.

Unterdruck hebt den Brustkorb an

Entwickelt wurde die Eiserne Lunge in den USA. Als sich in Boston 1928 eine weitere verheerende Polio-Epidemie ausbreitet, bestellen die Mediziner den Ingenieur Philip Drinker ins örtliche Kinderkrankenhaus. Gemeinsam mit seinem Kollegen Louis Shaw entwickelt Drinker gerade eine Beatmungsmaschine. Zuvor hatte Shaw herausgefunden, dass eine narkotisierte Katze in einer luftdicht abgeschlossenen Box durch den Wechsel von Über- und Unterdruck am Leben erhalten werden kann. Er überträgt dieses simple Prinzip auf den Menschen. "Wenn die Muskeln schlaff sind, weil das Zwerchfell kraftlos ist, kann der Unterdruck nicht mehr aufgebaut werden: Der Patient bekommt keine Luft in seine Lunge hinein. In der Eisernen Lunge wird ein Unterdruck aufgebaut, der das Zwerchfell ersetzt, den Brustkorb hebt, damit Luft in die Lunge einströmen kann", erklärt die Beatmungsmedizinerin Rosseau das Prinzip.

Die Ingenieure schweißen Eisenplatten zu einem luftdicht abgeschlossenen Stahlrohr zusammen. Nur das Kopfende lässt sich öffnen, um den Patienten auf einer mit Rollen versehenen Matratze hineinzuschieben. Zwei handelsübliche Staubsauger betreiben den Prototypen. Noch in der Pilotphase kann Drinker ein achtjähriges an Polio erkranktes Mädchen in dem Apparat wieder beleben. Zwei Minuten später soll es nach Eiscreme gefragt haben. Daraufhin wird der Tank-Respirator – so die korrekte Bezeichnung – zum Patent angemeldet und am 14. September 1929 der Öffentlichkeit vorgestellt.

Schulabschluss in der Eisernen Lunge

1936 gibt es weltweit bereits 222 Geräte. In manchen Jahren stehen in den USA bis zu 50 Stück in hallenartigen Beatmungsstationen. Die erste deutsche Eiserne Lunge baut der Hamburger Mediziner Axel Dönhardt erst 1947 während einer schweren Epidemie im zerbombten Nachkriegsdeutschland – aus dem Wendegetriebe eines havarierten Fischkutters und einem Torpedorohr.

Die meisten Patienten können die Eiserne Lunge verlassen, sobald die Muskelfunktion nach Abklingen der Entzündung zurückkehrt. Bei Martha Mason sind die Folgeschäden zu stark. Sie absolviert Schulabschluss und Studium, lädt zu Partys ein und schreibt mithilfe einer computergesteuerten Spracherkennung das Buch "Breath" – alles in der Eisernen Lunge. Martha Mason stirbt mit 72 Jahren. Die Eiserne Lunge hat sie 61 Jahre am Leben erhalten. Heute sind die Geräte nicht mehr in Gebrauch. Patienten mit Lähmungen der Atemmuskulatur werden mit Beatmungsgeräten beatmet: Die Luft wird dabei durch Überdruck in die Lungen gebracht.

Stand: 14.09.2014

Programmtipps:

Auf WDR 2 können Sie den Stichtag immer gegen 9.40 Uhr hören. Wiederholung: von Montag bis Freitag gegen 17.40 Uhr und am Samstag um 18.40 Uhr. Der Stichtag ist nach der Ausstrahlung als Podcast abrufbar.

"ZeitZeichen" auf WDR 5 (9.05 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 14. September 2014 ebenfalls an die Eiserne Lunge. Auch das "ZeitZeichen" gibt es als Podcast.