19. November 2008 - Vor 50 Jahren: Willy Sachs erschießt sich

Stichtag

19. November 2008 - Vor 50 Jahren: Willy Sachs erschießt sich

Am 21. April 1948 muss sich Unternehmer Willy Sachs vor der Spruchkammer Schweinfurt-Land wegen seiner Verbindungen zum Nazi-Regime verantworten: "Ich bin am 23. Juli 1896 geboren. Meine Abstammung und mein Elternhaus sind in Schweinfurt zur Genüge bekannt. Ich habe nach dem Vorbild meines Vaters gelebt, der sich aus kleinsten Anfängen heraus empor gearbeitet hat." Vater Ernst Sachs war ein schwäbischer Feinmechaniker. Seine Karriere verdankte er vor allem einer Erfindung: der kugelgelagerten Fahrradnabe, auf die er 1894 sein erstes Patent anmeldet. Mit seinem Kompagnon Karl Fichtel gelang es ihm, eine marktbeherrschende Position zu erringen. Als Geheimrat und Ehrenbürger von Schweinfurt stirbt Ernst Sachs 1932. Seinem einzigen Sohn Willy hinterlässt er die Fabrik mit rund 3.000 Mitarbeitern sowie das Schloss Mainberg bei Schweinfurt und das Gut Rechenau bei Oberaudorf im bayerischen Inntal.

Willy Sachs steht von Anfang an unter Druck seines Vaters. Doch in der Schule ist er nicht erfolgreich. Nach diversen Praktika, unter anderem bei Bosch in Stuttgart, steigt er in die väterliche Firma ein. 1925 heiratet er Elinor von Opel. Ihre Väter sind befreundet und haben gemeinsame wirtschaftliche Interessen. Doch die Ehe der Kinder ist nicht glücklich. Sachs interessiert sich mehr für die Jagd, seine Freunde und andere Frauen. Dennoch floriert die Firma weiter - durch die Produktion von Stoßdämpfern, Kupplungen und Kleinmotoren für Fahrräder. 1933 tritt Willy Sachs in die NSDAP ein. Besonders enge Kontakte pflegt er zu SS-Reichsführer Heinrich Himmler und Reichsmarschall Hermann Göring, die ihrer Jagdleidenschaft auf seinem Gut in Bayern nachgehen können. Sachs, der die NSDAP und die SS mit großen Spenden unterstützt, wird zum SS-Obersturmbannführer und zum Wehrwirtschaftsführer ernannt. Himmler ist Gast bei der Einweihung des - bis heute so benannten - Willy-Sachs-Stadions, das der Unternehmer in Schweinfurt bauen lässt.

1935 wird die Ehe mit Elinor von Opel geschieden. Nach einem erbitterten Sorgerechtsstreit flüchtet die Mutter mit den beiden Kindern in die Schweiz. Willy Sachs wendet sich an Himmler und Göring, die einen Trupp SS-Männer hinterher schicken. Die Schweizer Polizei greift jedoch ein und nach einem Gerichtsverfahren kehrt Sohn Ernst Wilhelm nach Deutschland zurück. Gunter Fritz bleibt bei der Mutter. Dieser wird später als Playboy bekannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird Willy Sachs festgenommen und später von der Spruchkammer Schweinfurt-Land als Mitläufer eingestuft. Auch als die US-Behörden Widerspruch einlegen, bleibt es bei dieser Einstufung. Sachs kann eine zweite Karriere starten. Mit dem Zwei-Takt-Motor "Sachs 50" für Mopeds erreicht er Umsatzrekorde. Er wird mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Doch Lebemann Sachs, der sich früher "Stier vom Inntal" nannte, leidet unter nachlassender Vitalität. Als er erpresst wird, weil seine Lebensgefährtin in Bayern ein Kind von ihm abgetrieben hat, sieht Sachs keinen Ausweg mehr. Am 19. November 1958 erschießt er sich in seinem Jagdhaus bei Oberaudorf.

Stand: 19.11.08