22. Juni 2008 - Vor 25 Jahren: Bodenverseuchung in Dorstfeld wird bekannt

Stichtag

22. Juni 2008 - Vor 25 Jahren: Bodenverseuchung in Dorstfeld wird bekannt

Hans-Dieter Kaminski ist geschockt. Beim Ausheben der Baugrube für sein neues Eigenheim war der Bagger auf eine stinkende Erdschicht gestoßen. Mit Fundamentresten einer alten Kokerei hat er auf dem ehemaligen Industriegelände rechnen müssen. Dafür war das Grundstück in der neuen Siedlung Dorstfeld-Süd, das er 1980 von der Stadt Dortmund gekauft hatte, auch besonders günstig gewesen. Nun aber weigert sich selbst die Deponie in Dortmund, die offenbar chemieverseuchte Erde anzunehmen. Noch unglaublicher: Das sofort alarmierte Gesundheitsamt analysiert Bodenproben - und erklärt sie für unbedenklich. So bleibt Kaminski und seinen ähnlich betroffenen Nachbarn nichts übrig, als weiterzubauen und das lang ersehnte Eigenheim mit mulmigen Gefühlen zu beziehen. Die Probleme lassen nicht lange auf sich warten.

Anfang 1983 ist der Chemie-Gestank in den Straßen und Häusern der Eigenheim-Siedlung Dorstfeld-Süd kaum noch auszuhalten. Die Betroffenen gründen unter Führung von Hans-Dieter Kaminski eine Bürgerinitiative und zwingen die Stadt, endlich ein Bodengutachten in Auftrag zu geben. Am 22. Juni 1983 verkündet Professor Hans-Werner Schlipkötter vom Düsseldorfer Hygiene-Institut das erschreckende Ergebnis. Die Erde auf dem ehemaligen Kokerei-Gelände strotzt nur so von Giften, darunter hochgradig Krebs erregendes Benzpyren und das Leukämie erzeugende Benzol. Die meisten Bewohner haben nur noch einen Gedanken: Weg von hier, egal wie. Doch dafür fehlt das nötige Geld. Die Stadt Dortmund weigert sich hartnäckig, die Betroffenen zu entschädigen.

Als Hauptverantwortlicher für das Umwelt-Desaster steht die Harpen AG als frühere Besitzerin des Geländes am Pranger. Der Konzern lehnt aber Schadenersatzansprüche ab und argumentiert, das Gelände sei eigentlich als neuer Industriestandort vorgesehen gewesen und erst 1979 von der Stadt Dortmund plötzlich als Wohngebiet ausgewiesen worden. Über zwei Jahre lang wird der Rechtsstreit auf dem Rücken der Geschädigten ausgetragen; dann stellt das Oberverwaltungsgericht Münster die Harpen AG als mutmaßlichen Hauptverursacher fest. Nach langem Hin und Her kauft die Stadt die betroffenen Häuser auf und erstellt ein Sanierungskonzept. Als Lehre aus dem Fall Dorstfeld richtet Dortmund ein Umweltamt ein. Um die Sanierung von alten Industrie-Standorten künftig systematisch angehen zu können, entsteht in Kooperation mit ähnlich betroffenen Städten das so genannte Altlastenkataster.

Stand: 22.06.08