09. Juni 2008 - Vor 55 Jahren: Gesetz über jugendgefährdende Schriften

Stichtag

09. Juni 2008 - Vor 55 Jahren: Gesetz über jugendgefährdende Schriften

Auf die Jugend wirkt Tarzan verrohend. In den Comics rund um den barbrüstigen Urwaldhelden findet die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften wild wuchernde Unsittlichkeit. In den fünfziger Jahren dürfen die Tarzan-Heftchen deshalb nur unterm Ladentisch der Kioske und Tabakläden verkauft werden: erst ab 18 darf sich der Leser aus dem bundesdeutschen Alltag in die "unwirkliche Lügenwelt" des Unzivilisierten flüchten. "Entartet" nennt die Bundesprüfstelle die Schriften - und knüpft damit unbekümmert an eine Tradition an, die in der Weimarer Republik ihren Anfang nahm und in der rigiden Zensurpolitik der Reichsschrifttumskammer unter den Nationalsozialisten ihren traurigen Höhepunkt fand.

"Tarzan" ist eine der ersten Heftchenreihen, die die Prüfstelle in Bonn Rheindorf mit dem Bann belegt. Sie kann sich dabei auf das "Gesetz über jugendgefährdende Schriften" stützen, das der Bundestag am 9. Juni 1953 verabschiedet. Es bestimmt, dass Jugendliche vom Einfluss so genannter "Schmutz- und Schundliteratur" ferngehalten werden sollen. Offenherzige Dekolletees und fliegende Röcke kommen dabei ebenso auf den Index wie rohe Gewalt - wobei die Auslegung dessen, was als sexuell anstößig oder gewalttätig zu gelten habe, noch sehr eng gefasst wird. Auf dem Index der Bundesprüfstelle stehen Sigurd-Comics und Wildwestromane, aber auch die James-Bond-Romane Ian Flemmings.

In den sechziger Jahren wirft die Bundesprüfstelle ihr Hauptaugenmerk zunehmend auf Weltkriegsschriften und Landser-Heftchen. Die sexuelle Revolution von Flower-Power-Bewegung und der Achtundsechzigergeneration stürzt sie in eine tiefe Sinnkrise. Ihr neuer Leiter Rudolf Stefen ändert 1969 die Zielrichtung der Behörde noch stärker weg von der Pornographie hin zur Darstellung von Gewalt. Heute beschäftigt sich die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften verstärkt auch um DVD s und Computerspiele, aber auch um die immer aggressiver werdende Musikkultur. 52 gewaltverherrlichende Hip-Hop-Titel stehen derzeit auf ihrer Liste.

Stand: 09.06.08