11. Juni 2008 - Vor 50 Jahren: Grundstein zur Kernforschungsanlage Jülich gelegt

Stichtag

11. Juni 2008 - Vor 50 Jahren: Grundstein zur Kernforschungsanlage Jülich gelegt

Mitte der 50er Jahre fallen in Deutschland-West die letzten Forschungsverbote der alliierten Siegermächte. Die bundesdeutschen Kernphysiker um Otto Hahn, dem 1938 die erste Kernspaltung gelungen ist, nehmen erschüttert zur Kenntnis, welche Fortschritte die USA in der Reaktorforschung gemacht haben. Vollmundig preisen die Amerikaner die Vorzüge der neuen Technologie, etwa im Haushalt: "Ein Reich voll elektrischer Energie, damit die Evas dieser Welt ihr Leben genießen können, im elektrischen Garten Eden." Damit die junge Bundesrepublik nicht länger ins Hintertreffen gerät, wird in Nordrhein-Westfalen der Bau einer Atomforschungsanlage beschlossen. Am 11. Juni 1958 kann NRW-Ministerpräsident Fritz Steinhoff im Stetternicher Forst bei Jülich den Grundstein zum Forschungsreaktor Merlin legen. 

Im Düsseldorfer Landtag fordert SPD-Staatssekretär Leo Brandt noch größere Anstrengungen im atomaren Wettlauf: "Dieser Brennstoff ist nicht zehnmal besser oder 100 Mal oder 1.000 Mal - das wäre schon wunderbar - aber er ist drei Millionen Mal besser als Kohle." Brandt überzeugt die Landesregierung, sofort Gelder für einen zweiten Forschungsreaktor locker zu machen. So entsteht kurz darauf in Jülich neben dem Leichtwasser-Reaktor Merlin (Leistung: 5.000 Kilowatt) der Schwerwasser-Reaktor Dido mit einer Kapazität von 10.000 Kilowatt. 1962 endlich können die Brennelemente eingefahren werden: Merlin und Dido werden damit kritisch. Rings um die beiden Atommeiler entstehen Institute für Plasmaphysik, Biologie und Radiochemie, für Agrar-, Medizin- und Strahlentechnologie.

Aufsehen erregt die Kernforschungsanlage Jülich mit dem Bau eines völlig neuen Kraftwerktyps: dem Hochtemperaturreaktor. Darin erzeugen kugelförmige Brennelemente erheblich höhere Temperaturen als die bislang verwendeten Brennstäbe. 21 Jahre läuft der Hochtemperaturreaktor störungsfrei und stößt auf weltweites Interesse. Die Inbetriebnahme des ersten deutschen Prototyps in Hamm-Uentrop scheitert allerdings in den 80er Jahren an technischen Problemen und an politischen Festlegungen auf andere Kraftwerkstypen. So sattelt man im Forschungszentrum Jülich um auf Entwicklungen, die ohne Atomtechnologie auskommen. 1998 beginnt der Rückbau der Pionier-Anlagen Merlin und Dido, der im August 2008 abgeschlossen werden soll. Die Demontage der 1.000 Tonnen schweren Reaktorblöcke gibt den Fachleuten allerdings so manche harte Nuss zu knacken. "Ich hoffe, wenn man heute einen Reaktor baut, dass man von vornherein auch an den Rückbau denkt", stöhnt Burkhard Stahn, Projektleiter des Merlin-Rückbaus.

Stand: 11.06.08