15. Dezember 2008 - Vor 35 Jahren: John Paul Getty III. von Entführern freigelassen

Stichtag

15. Dezember 2008 - Vor 35 Jahren: John Paul Getty III. von Entführern freigelassen

LSD konsumiert John Paul Getty III. seit seinem 13. Lebensjahr. Er ist der Enkel des superreichen Ölmagnaten Jean Paul Getty, seine Stiefmutter stirbt an einer Überdosis Heroin und sein Vater, John Paul Getty II., führt eine drogengeschwängerte Party-Existenz in London. Mit sechzehn lebt der 1956 geborene Paul bei seiner Mutter Gail in Rom. Seine Welt ist die Hippieszene zwischen Piazza Navona und Trastevere. Dort lernt er die deutschen Zwillinge Jutta Winkelmann und Gisela Zacher kennen. Er heiratet Gisela, die zuvor Ehefrau von Schauspieler Rolf Zacher war. Obwohl Erbe eines der größten Vermögen der Welt, wird Paul von seinem milliardenschweren Großvater knapp gehalten. In Rom lebt er weit über seine Verhältnisse. "Eines Tages kam Paul auf die Idee, sich entführen zu lassen. Sein Großvater war ja steinreich", erzählt Gisela Getty später. Doch bevor der Plan reifen kann, wird aus der makabren Sponti-Idee blutiger Ernst.

In der Nacht vom 9. auf den 10. Juli 1973 kidnappen vier Unbekannte den "goldenen Hippie" - so Pauls Spitzname - mitten in Rom. Als die ersten Lösegeldforderungen bei den Gettys eintreffen, reagiert Jean Paul Getty knochenhart. "Welche Gefühle ich auch immer für Paul empfinden mag", lässt der Milliardär verlauten, "ich werde nicht zahlen." Sollte sein Enkel wirklich entführt worden sein, sei das eine Polizeiangelegenheit. Nach über drei Monaten ergebnisloser Verhandlungen geht bei einer römische Zeitung ein brutaler Brief der Kidnapper ein. Beigefügt sind Fotos, die das Entführungsopfer mit abgeschnittenem rechtem Ohr zeigen. "Veröffentlichen Sie diesen Brief, andernfalls kommt euch ein anderes Fleischstück Pauls ins Haus", lautet die unmissverständliche Drohung der Täter. "Nicht wir sind die Sadisten, sondern diese Familie ist unmenschlich." Nun erst erfüllt Jean Paul Getty die Forderungen der Entführer und zahlt rund drei Millionen Dollar, das höchste Lösegeld, das jemals erpresst wurde. Ursprünglich sollen die Kidnapper sogar umgerechnet 40 Millionen Mark verlangt haben.

Am frühen Morgen des 15. Dezember 1973 torkelt Paul Getty 160 Kilometer südlich von Neapel völlig durchfroren in eine Autobahntankstelle und wird umgehend in eine Privatklinik nach Rom gebracht. Ständig sei er von seinen Entführern von einem Bergversteck zum anderen verschleppt worden, erzählt er den Ermittlern. Die einzige Betäubung vor der Amputation seines Ohres habe in einem Schlag auf den Kopf bestanden. Vom Trauma dieser Entführung kann sich der 17-Jährige nicht mehr befreien. Seine Angstzustände bekämpft er mit immer höheren Dosen an Heroin. 1981 wird John Paul Getty III. in Los Angeles nach einem Alkohol- und Drogenexzess bewusstlos aufgefunden. Schwer behindert erwacht er sechs Wochen später aus dem Koma. Seit einem Schlaganfall im Jahr darauf sitzt der heute 52-jährige Milliarden-Erbe querschnittsgelähmt, erblindet und artikulationsunfähig im Rollstuhl. Zwei seiner mutmaßlichen Kidnapper, Mafiosi aus Kalabrien, werden 1976 zu hohen Haftstrafen verurteilt. Die Drahtzieher der Getty-Entführung bleiben unentdeckt.

Stand: 15.12.08