2. Oktober 1961 - 53 DDR-Bürger flüchten aus Böseckendorf

Lagerpfarrer Wilhelm Scheperjans (3.v.l.) zeigt Flüchtlingen aus Böseckendorf am 23.02.1963 im Lager Friedland den Bauplan für die geplante Neubausiedlung Neu-Böseckendorf

2. Oktober 1961 - 53 DDR-Bürger flüchten aus Böseckendorf

Nach dem Zweiten Weltkrieg liegt Böseckendorf nur 500 Meter von der innerdeutschen Grenze entfernt. Der kleine DDR-Ort im Thüringer Eichsfeld grenzt an drei Seiten an Niedersachsen. Das Nachbardorf gehört bereits zum Westen. Die katholischen Böseckendorfer tun sich mit dem SED-Regime schwer. Zudem werden die Bauern - wie in der ganzen DDR - in eine "Landwirtschaftliche Produktionsgesellschaft" (LPG) gezwungen. Der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht lässt keinen Zweifel: "Wenn wir beschlossen haben, die Grundlagen des Sozialismus im Dorfe zu schaffen, dann heißt das, alle Kräfte sind auf diese Aufgaben zu konzentrieren. Wir werden denen, die sie sabotieren wollen, schon zeigen, wie die Felder bestellt werden müssen."

53 DDR-Bürger fliehen

Als am 13. August 1961 in Ost-Berlin mit dem Mauerbau begonnen wird, verschärft sich die Situation auch an der westlichen Außengrenze der DDR. Die Staatsmacht will nicht, dass dort jemand wohnt, der unzuverlässig sein könnte. Außerdem soll genügend Raum geschaffen werden für Stacheldrahtverhaue, Todesstreifen und freies Schussfeld. Deshalb plant die Staatsmacht eine Zwangsumsiedlung: die "Aktion Kornblume". In Böseckendorf sickert dieser Plan durch. Der halbe Ort verabredet sich spontan zur Flucht in den Westen. Alle können nicht ins Vertrauen gezogen werden. Zu viele Mitwisser würden den Plan gefährden.

Am Abend des 2. Oktober 1961 werden Pferdewagen für die Flucht beladen. Das ist die letzte Gelegenheit: Am anderen Morgen startet die "Aktion Kornblume". Ein Späher erkundet den richtigen Moment - der ist gekommen, als die Grenzer sich mehr für die Kirmes im Nachbardorf interessieren, als für die Grenzsicherung. 16 Familien mit 22 Kindern, insgesamt 53 DDR-Bürger, machen sich auf den Weg in den Westen. Unbehelligt und wohlbehalten gelangen sie nach Niedersachsen.

Neu-Böseckendorf in Niedersachsen

Während die westdeutschen Medien ausführlich über die Massenflucht berichten, schweigen die ostdeutschen dazu. Um mögliche Nachahmer abzuschrecken, wird die Grenzsicherung zügig ausgebaut. Trotzdem gelingt es im Februar 1963, 13 weiteren Böseckendorfern in den Westen zu fliehen. Der tiefgefrorene Boden reduziert das Risiko, dass die inzwischen gelegten Minen explodieren.

Die Flüchtlinge werden in das niedersächsische Auffanglager Friedland gebracht. Lagerpfarrer Wilhelm Scheperjans verspricht ihnen, rund 30 Kilometer entfernt von ihrem alten Ort ein Neu-Böseckendorf zu errichten. Er sammelt dafür jahrelang Spenden. So kommt ein Zehntel der Gesamtkosten zusammen. Den Rest bezahlen Bund und Land. Im September 1965 ist es soweit: Die ehemaligen Flüchtlinge können in ihre Neubau-Siedlung im Landkreis Göttingen beziehen.

Von der Gründung im Oktober 1949 bis zur Währungsunion im Juni 1990 verlassen insgesamt über 3,5 Millionen Menschen die DDR.

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