13. November 2006 - Vor 30 Jahren: Konzert von Wolf Biermann in Köln

Stichtag

13. November 2006 - Vor 30 Jahren: Konzert von Wolf Biermann in Köln

Am 11. November 1976 fährt der DDR-Liedermacher Wolf Biermann mit der S-Bahn von Ost-Berlin in den Westteil der Stadt - zu einer Art Generalprobe. Günter Grass hat Freunde als Testpublikum in seinem Haus versammelt. Biermann greift zur Gitarre. Die IG Metall hat Biermann eingeladen, nach elf Jahren Auftrittsverbot in der DDR in Westdeutschland aufzutreten. Biermann beginnt das erste Konzert am 13. November mit seinem Hit "So soll es sein": "Wir mischen uns da ein bisschen ein. So soll es sein. So wird es sein." Die fast 7.000 Zuhörer in der ausverkauften Kölner Sporthalle sind begeistert. Biermann rezitiert, diskutiert und singt. Der Liederabend wird vom WDR-Hörfunk live übertragen. Geplant sind zwei Stunden, es werden vier. "Ich bin noch immer in so einem Zustand, dass man mich nach so langen Jahren bitten muss, nicht zu singen", sagt Biermann.

Der am am 15. November 1936 in Hamburg geborene Biermann ist 1953 nach Ost-Berlin übergesiedelt. Der 17-Jährige hat sich vorgenommen, "den Sozialismus mit aufzubauen". Seine Großmutter und seine Mutter sind Kommunistinnen. Seinen Vater, einen Hamburger Hafenarbeiter jüdischer Herkunft, haben die Nazis 1943 in Auschwitz ermordet. In der DDR studiert Biermann Politische Ökonomie und Philosophie. Später arbeitet er an der Brecht-Bühne "Berliner Ensemble" als Regieassistent. Anfang der 60er Jahre beginnt er zu schreiben und zu komponieren. Doch schon bald hat er Ärger mit der Zensurbehörde. 1965 darf er nicht mehr auftreten und nicht mehr publizieren. 1974 bieten die DDR-Behörden Biermann ein Visum ohne Rückkehrmöglichkeit an. Doch er lehnt ab: "Ich habe die feste Absicht, in der DDR weiter zu leben. Mein Verhältnis zu diesem Staat ist gekennzeichnet von kritischer Solidarität."

1976 bekommt Biermann unerwartet die Erlaubnis für eine mehrtägige Tournee in Westdeutschland. "Was bedeutet es, dass die mich plötzlich reisen lassen?", fragt er sich. Er geht mit gemischten Gefühlen nach Köln. Drei Tage nach dem Konzert meldet die Ost-Berliner Nachrichtenagentur ADN, die DDR habe Biermann die Staatsbürgerschaft aberkannt. "Mir wurde ganz schlecht vor Angst, vor Schreck. Ich zitterte. Ich wusste nicht mehr, wie es nun weitergeht." Günter Wallraff organisiert konspirativ einen Auto-Corso, der immer wieder Haken fährt, um mögliche Verfolger abzuschütteln. Die Fahrt geht ins Bergische Land in das Ferienhaus von Heinrich Böll. Biermann gibt eine Pressekonferenz nach der anderen: "Ich besitze einen gültigen DDR-Reisepass, mit einem Aus- und Wieder-Einreise-Visum. Ich möchte Ihnen mitteilen, dass ich diese schändliche und schädliche Ausbürgerung nicht hinnehme." Im In- und Ausland kommt es zu Solidaritätsaktionen. Auch in Ost-Berlin regt sich Protest. Schriftsteller, Musiker, Maler, Theaterleute unterschreiben eine Forderung nach Rücknahme der Ausbürgerung. Daraufhin dürfen auch sie nicht mehr auftreten. Biermann ist über seinen Zwangsaufenthalt im kapitalistischen Westen nicht glücklich: "Jetzt bin ich vom Regen in die Jauche gekommen", sagte er kurz nach seiner Ausbürgerung. Jahre später gibt Erich Honecker zu, sich geirrt zu haben. Die Ausbürgerung Biermanns sei ein Fehler gewesen.

Stand: 13.11.06

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