9. März 2006 - Deutschlandpremiere von "Brokeback Mountain"

9. März 2006 - Deutschlandpremiere von "Brokeback Mountain"

Eines Tages sitzt die kanadisch-amerikanische Schriftstellerin Annie Proulx in einer Bar in Wyoming. Da sticht ihr ein etwa 60 Jahre alter Cowboy mit seinen abgewetzten Stiefeln und seinem ausgebeulten Hut ins Auge. "Er schaute ein paar Männern beim Billardspielen zu", wird sich Proulx später erinnern, "mit einem sonderbaren Ausdruck, traurig, sehnsüchtig. Und nach einer Weile fragte ich mich, ob er vielleicht schwul war."

Die Szene inspiriert Proulx zu einer hochgelobten Kurzgeschichte, die 1997 im Magazin "The New Yorker" erscheint und ein Jahr später in den mehrfach ausgezeichneten Erzählband "Weit draußen – Geschichten aus Wyoming" aufgenommen wird. Sie erzählt von zwei jungen Cowboys, die sich Anfang der 60er Jahre bei einem Job als Schafshüter kennenlernen. Wochenlang sind der lebenslustige Jack Twist und der verschlossene Ennis del Mar in den einsamen Bergen Wyomings zusammen, erzählen sich von ihren Zukunftsplänen, teilen Geheimnisse – bis Jack Ennis in sein Zelt holt und sie sich nicht nur gegenseitig wärmen.

Bruch mit Hollywood-Tabus

Bei Proulx endet alles tragisch: Die Liebenden gehen sie auseinander, heiraten, haben Kinder. Einmal im Jahr treffen sie sich insgeheim am Ort ihrer ersten Nacht wieder. Dann wird Jack mit eingeschlagenem Schädel aufgefunden, der Körper eingeäschert. Als Ennis die Urne abholt, findet er im Versteck ihre ineinander verschlungenen Hemden aus dem ersten Jahr am Brokeback Mountain.

Dem amerikanisch-taiwanesischen Regisseur Ang Lee gefällt die Geschichte so gut, dass er beschließt, sie mit den Schauspielern Jake Gyllenhaal und Heath Ledger in den Hauptrollen zu verfilmen. "Das war das schönste Drehbuch, das ich je gelesen hatte", sagt Ledger. "Ich wäre verrückt gewesen, das abzulehnen. Solch eine Geschichte war noch nie im Film erzählt worden." Tatsächlich bricht "Brokeback Mountain" mit seiner offensiven Darstellung von homosexueller Liebe auch mit Hollywood-Tabus. Am 9. März 2005 kommt er auch in die deutschen Kinos.

Anlass zum Umdenken

Die Kritik reagiert zunächst wie zu erwarten: Während die Schwulenbewegung "Brokeback Mountain" feiert, protestieren christlich-konservative Kreise. Beim internationalen Publikum aber wird der Film, der nicht nur in den USA eine heftige Debatte auslöst, zu einem Überraschungserfolg. In Venedig heimst er einen Goldenen Löwen ein, in Amerika gewinnt er vier Golden Globes und drei Oscars, namentlich für den besten Film, das beste adaptierte Drehbuch und die beste Filmmusik.

"Die Leute machen sich doch Gedanken über die Liebe", sagt Ang Lee. "Und wenn sie im Kino diesen Film sehen, dann ändern sie vielleicht ihre Meinung. Wir haben Cowboys und schwule Liebe zusammen gebracht, und dann einfach mal geschaut, was passiert.“ Es passiert eine ganze Menge. "Brokeback Mountain" verändert nicht nur das Mainstreamkino nachhaltig, sondern bereitet auch den Weg für ein Umdenken innerhalb der amerikanischen Gesellschaft. Zehn Jahre nach dem Filmstart wird die gleichgeschlechtliche Ehe vom Obersten Gerichtshof der USA legalisiert.

Stand: 09.03.2016

Programmtipps:

Auf WDR 2 können Sie den Stichtag immer gegen 9.40 Uhr hören. Wiederholung: von Montag bis Samstag um 18.40 Uhr. Der Stichtag ist nach der Ausstrahlung als Podcast abrufbar.

Stand: 09.03.2016, 00:00