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Ludwig Uhland, Dichter und Schriftsteller

24. Mai 1812 - Ludwig Uhland notiert die Zeile "Singe, wem Gesang gegeben"

Stand: 19.05.2022, 16:16 Uhr

"Singe, wem Gesang gegeben" - diese Redewendung passt nur auf den ersten Blick zu TV-Talentshows. Ursprünglich hat die Zeile von Ludwig Uhland eine ganz andere Bedeutung.

Industrialisierung, Nachwirkungen der Französischen Revolution, Auflösung des "Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation" - zu Beginn des 19. Jahrhunderts herrscht Aufbruchstimmung. Zu dieser Zeit beginnt Ludwig Uhland Gedichte zu schreiben. Dabei prägt ihn die literarische Romantik - eine Gegenbewegung zu zwei anderen Epochen: der Aufklärung und der Weimarer Klassik.

Am 24. Mai 1812 notiert Uhland in seinem Tagebuch ein Gedicht mit dem Titel "Freie Kunst". Es wird später in der Zeitschrift "Deutscher Dichterwald" veröffentlicht. Die erste Strophe lautet: "Singe, wem Gesang gegeben, / In dem deutschen Dichterwald! / Das ist Freude, das ist Leben, / Wenn's von allen Zweigen schallt."

"Singe, wem Gesang gegeben" (notiert am 24.05.1812)

WDR ZeitZeichen 24.05.2022 14:04 Min. Verfügbar bis 24.05.2099 WDR 5


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"Gesang" bedeutet Poesie

Uhlands Gedicht ist eine Art Anleitung, wie Literatur geschrieben werden soll. Es behandelt weniger den musikalischen Gesang, als vielmehr die Lyrik des Dichters. Mit "Gesang" ist Poesie gemeint. Es geht Uhland um ein ideales deutsches Volk von freien Dichtern, das nicht im Schatten der Werke von Goethe und Schiller erstarrt.

Die zweite Strophe lautet deshalb: "Nicht an wenig stolze Namen / Ist die Liedkunst gebannt; / Ausgestreut ist der Samen / Ueber alles deutsche Land." Und später heißt es: "Würdig ehren wir die Meister, / Aber frei ist uns die Kunst."

Männerchöre und Liedertafeln

Hintergrund für Uhlands Wortwahl ist auch die verbreitete Sangesfreude. Damals entstehen Männerchöre und Liedertafeln. Dort wird nicht nur gesungen, sondern auch über Politik debattiert. Das Bürgertum entwickelt ein neues Selbstbewusstsein: Das Singen soll alle verbinden - den Bauern, den Politiker, den Handelsmann. Sogar die Schranke zwischen Bürgertum und Adel soll fallen.

Zudem soll die Zerstückelung Deutschlands in hunderte Fürstentümer überwunden und ein Land geschaffen werden - indem es sich auf gemeinsame Wurzeln im Volkslied besinnt. Es dauert nicht lang, bis auch Uhlands Gedicht ins Repertoire der Sänger aufgenommen wird.

"Der deutsche Gott"

Das Gedicht endet mit einer Abgrenzung zu Aufklärung und Klassik - und einer Hinwendung zum Nationalen: "Nicht in kalten Marmorsteinen, / Nicht in Tempeln, dumpf und todt: / In den frischen Eichenhainen / Webt und rauscht der deutsche Gott."

Uhlands Eintreten für eine deutsche Nation, seine Suche nach Volksnähe nutzen die Herrschenden über Jahrhunderte für nationalistische Propaganda - vom Kaiserreich bis zu den Nationalsozialisten. Während das Gedicht "Freie Kunst" längst vergessen ist, hat sich die Zeile "Singe, wem Gesang gegeben" verselbstständigt und als Redewendung erhalten.

Autor des Hörfunkbeitrags: Ralph Erdenberger
Redaktion: Gesa Rünker

Programmtipps:

ZeitZeichen auf WDR 5 (9.45 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 24. Mai 2022 an die Uhland-Zeile "Singe, wem Gesang gegeben". Das ZeitZeichen gibt es auch als Podcast.

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