Buchcover: "Kleine Kratzer. Erzählungen" von Jane Campbell

Buch der Woche

"Kleine Kratzer. Erzählungen" von Jane Campbell

Stand: 29.09.2023, 12:42 Uhr

In diesem Buch steckt ein kleines Publikationswunder. Die Autorin fackelte nicht lange, schickte ihren ersten literarischen Text "Katzenbuckel" an die wichtigste Literaturzeitschrift Englands. Dort waren sie begeistert, baten um mehr und jetzt gibt es dieses Buch.

Beim Bürsten der Katze kniet die Frau auf dem Boden, und wenn sie aufstehen will, muss sie sich an der Tischkante hochziehen, geht nicht mehr anders. Gute Übung für die Schenkel, sagt sie sich, und es kommen ihr "unweigerlich die anderen Übungen in den Sinn, in die meine Schenkel einst involviert waren."

Der Katzenbuckel ist eine von 13 Episoden. Der Eindruck, es könne leicht in Richtung Softporno abdriften, täuscht. Es wird aufgeräumt mit den merkwürdigen Vorstellungen vom Alter. Mehr als einmal wird die blöde These, gut zu essen sei der Sex des Alters, auf den Kopf gestellt.

Im Mittelpunkt 13 Frauen, die sich nicht aussortieren und beiseite schieben lassen, nur weil sie jenseits der 70 sind. Weil das Alter sie all der Unabhängigkeit, der Gesundheit, der Attraktivität beraubt hat, die sie früher mal genossen haben.

Die Autorin Jane Campbell weiß, worüber sie schreibt. Sie ist über achtzig, war viele Jahre Psychoanalytikerin in Oxford. Erzählt entlang ihrer eigenen Lebenslinie. Dass Erlebnisse aus ihrer Therapiepraxis wohl mit in dieses Buch eingeflossen sind, macht es umso lebendiger.

Kein bisschen milde oder nostalgisch. Kein zu Tränen rührendes Buch über alte Menschen. Es hat einen großartigen, weil abgründigen Humor, einen unglaublichen Witz, ist manchmal ein bisschen derb, aber das stört nicht weiter. Die 13 Episoden verbinden sich aufs Schönste miteinander. Sind alle ein wenig irre, jede einzelne irre schön.

Eine Rezension von Christine Westermann

Literaturangaben:
Jane Campbell: Kleine Kratzer
Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell
Kjona Verlag, 2023
192 Seiten, 23 Euro