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14.10.2018 - André Cardinal Destouches, "Issé" in Versailles

14.10.2018 - André Cardinal Destouches, "Issé" in Versailles

Etwas wie das Centre de musique baroque de Versailles (CMBV) gibt es in Deutschland nicht, keine Institution, die mitten hinein ins Musikleben wirkt und zugleich Wissenschaft, Editionspraxis, künstlerische Produktion und Pädagogik unter einem Dach zusammenfasst. Vergleichbar hierzulande ist höchstens das Bach-Institut in Leipzig.

Das CMBV befördert eine französische Barockoper nach der anderen ans Tageslicht und rollt seit einiger Zeit auch das weithin vergessene Opernrepertoire des 19. Jahrhundert auf. Auf WDR 3 können wir in unseren Sendungen immer wieder mal die Früchte dieser Arbeit präsentieren, z. B. am 28. Oktober mit der Oper „La reine de Chypre“ von Halévy unter Leitung des Alte-Musik-Experten Hervé Niquet.

Die neueste Wiederentdeckung des CMBV ist die Oper „Issé“ von André Cardinal Destouches, aufgeführt von einem ganz jungen Ensemble namens Les Surprises, das wir demnächst beim WDR mit einem anderen Programm im Schloss Borbeck zu Gast haben werden (zu hören in WDR 3 Vesper am 15.12.).

André Cardinal Destouches hatte mit "Issé", er nannte es Pastorale héroïque, richtig Glück, eigentlich sogar zweimal: er diente als Soldat, wollte aber lieber Musiker sein. Sein Kriegskamerad Prinz Grimaldi von Monaco brachte ihn wahrscheinlich ihn an den Hof von Ludwig XIV., der ein Auge auf den 25jährigen warf. Als dem König seine erste Oper auch noch gefiel, war seine Karriere gesichert und das Werk wurde seit seiner Uraufführung 1697 immer wieder gespielt, bis 1773 dann in der damals gerade neu eröffneten Opéra royal des Versailles. Hier fand dann auch die Wiederaufführung nach fast 250 Jahren mit Les Surprises statt.

Les Surprises mit "Issé" von André Cardinal Destouches Issé in der Opéra royal de Versailles

Les Surprises mit "Issé" von André Cardinal Destouches Issé in der Opéra royal de Versailles


Dieses Theater im Schloss von Versailles mit seiner hervorragenden Akustik und den freien Sichtachsen von allen Plätzen ist der ideale Ort für ein solches Spektakel. Schade, dass nur eine konzertante Version zu erleben war. Aber auch schon die Uraufführung 1697 war ohne Szene. Umso mehr konnte man sich – damals wie heute – an der Palette feiner instrumentaler Farben des kleinen Orchesters freuen mit Traversflöten, Blockflöten, Oboen, einem kleinen Streicherapparat, Lauten und Gitarren und zwei Cembali. Les Surprises unter Luis-Noël Bestion de Camboulas brachten eine Art musikalisches Gemälde mit sanften aquarellhaften Tönen so zum Klingen, als ob man ein Bild von Watteau hören könnte. Dazu der hervorragende Chor des CMBV unter Olivier Schneebeli

Dieses Arrangement passte nicht schlecht zu der eigentlich wenig aufregenden Geschichte von der Nymphe Issé, in die sich der Gott Apollon verliebt hat, sich aber nicht zu erkennen gibt. Erst als ein Orakel ihr weissagt, dass Apollo ein Auge auf sie geworfen hat, obwohl sie doch den Schäfer Philémon liebt, kommt innere Unruhe auf. Philémon entpuppt sich aber am Ende der Oper als die verwandelte Gestalt von Apollon. "Je suis ce dieu cruel qui cause vos alarmes", sagt der Gott auf eine beiläufig charmante Weise, wie übrigens alle Personen in dieser Oper mit ihren Affekten sehr zurückhaltend umgehen. So war von den Sängern in Versailles keinerlei Furor oder musikalische Erregung zu vernehmen. Judith van Wanroij in der Hauptrolle und auch den anderen ging es mehr um das geschmackvolle und kenntnisreiche Vermitteln einer uns doch fremden Welt der Symbole und Allegorien, denn natürlich imaginierte bei der Uraufführung die Hochzeitsgesellschaft eines Enkels des Sonnenkönigs, vor der dieses Pastorale héroïque aufgeführt wurde, sich selbst ihn diese Welt des Natürlichen und der intrigenloser Glückseligkeit.

Aufführung am 13.10.2018 im Opernhaus im Schloss Versailles, auf CD im Frühjahr 2019

Besetzung:
Issé: Judith van Wanroij
Doris: Chantal Santon-Jeffery
Apollon: Mathias Vidal
Jupiter, Pan: Matthieu Lécroart
Hylas: Thomas Dolié
La première Hespéride, une Dryade: Eugénie Lefebvre
Hercule, le Grand Prêtre: Etienne Bazola 
Un Berger, le Sommeil, l’Oracle: Stephen Collardelle 

Les Chantres du Centre de musique baroque de Versailles (Direction Olivier Schneebeli)
Ensemble Les Surprises
Musikalische Leitung: Louis-Noël Bestion de Camboulas 

Stand: 14.10.2018, 13:50