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25.11.2019 - Brett Dean, „Hamlet“ in Köln

Joshua Bloom (Ghost) und David Butt Philip (Hamlet), in „Hamlet“ von Brett Dean

25.11.2019 - Brett Dean, „Hamlet“ in Köln

Dieser Hamlet im Kölner Staatenhaus kann lässig sein, aber rachetrunken ist er auch. Dann verliert er sich in seinen widerstreitenden Gefühlen gegenüber Ophelia, er stichelt virtuos mit dem Florett gegen Laertes, und er liefert seiner Mutter Gertrude in geistiger Klarheit eine moralische Abrechnung über ihr schändliches Tun. David Butt Philip ist ein Sängerdarsteller der Spitzenklasse in der deutschen Erstaufführung von Brett Deans Oper „Hamlet“, die 2017 zuerst beim Glyndebourne Festival zu sehen war.

Oft weiß man gar nicht, ob er mehr Schauspieler oder mehr Sänger ist, aber das liegt auch an dem Stück selbst und vor allem an dem Arrangement der Bühne, die bis an die Zuschauerreihen reicht, während das Orchester in einen Nebenraum links, man muss schon sagen, verbannt ist.

So ist David Butt Philips Singen wie eine emphatische Rede, aber doch mit allem, was von einem Opernsänger erwartet wird: Ausdruck, Kraft, Linie, stimmliche Spannweite. Überhaupt hat man auch bei den anderen Darstellern den Eindruck, einem Schauspiel beizuwohnen, bei Dalia Schächter als Gertrude, Andrew Schroeder als Brudermöder Claudius und vor allem bei Gloria Rehm als zerbrechliche Ophelia. Sie gestaltete ihre Wahnsinnsszene als ständiges Changieren zwischen Entrückung und klarer Erkenntnis ihrer Lage. Oder John Heuzenroeder als Polonius: er ist ein sinistrer Clown und Opportunist wie ein moderner Rigoletto.

Modern ja, aber jedes Wort in dieser auf Englisch gesungenen Oper stammt von Shakespeare, geschickt arrangiert von Matthew Jocelyn, der auch Regie führte, und zwar so, dass einem die Figuren auf den Leib rückten und nie abstrakt statuarisch. Er hat aus der Vorlage eine gewisse Tendenz herausdestilliert. Hamlet, dieser vielseitig begabte und sympathische Prinz erliegt dem Wahn, seinen Vater rächen zu müssen („Now could I drink hot blood“), gerät damit auf einen Irrweg und stürzt alle in den Tod.

Bei den Wahn-Szenen Hamlets und dem Auftreten des Geistes, öffnet sich die von Alain Lagarde gestaltete Industriehallen-Bühne in der Mitte, und auf einem Kanal rudert der ermordete König wie auf dem Fluss Styx, ein sinnfälliges Bild, das am Schluss der Oper noch einmal gezeigt wird, wenn die Darsteller, auch die Choristen, einer nach dem anderen über diesen Kanal in eine Unterwelt schreiten.

Und die Musik. Die ist klanglich interessant, wirkt aber wahrscheinlich vor allem durch die Platzierung des Orchesters wie eine Filmmusik. Da gibt es gezackte und aufwühlende Klänge, eine Art negative Festmusik, wenn Claudius als neuer König gefeiert werden soll, schabende, kratzende Töne und wellenartige Glissandi beim Auftritt des Geistes und vieles mehr aus dem Arsenal der zeitgenössischen Kompositionstechniken. Detailstrukturen teilen sich unter dem jungen Dirigenten Duncan Ward kaum mit, obwohl die, wie im Programmheft ausführlich dargelegt ist, natürlich vorhanden sind bis in eine Art Leitmotivik hinein.

In der Mitte des Stücks gibt es ein Theater auf dem Theater, bei dem die „Ermordung Gonzagos“ gespielt wird, um Claudius sein Tun vor Augen zu führen. Es ist eine absurd komische Stummfilmhandlung, bei der dann die Musik zu Ihrem Recht kommt, insbesondere durch den Akkordeonisten James Crabb auf der Bühne, dessen Töne wie ein in einen Kasten gepresstes Orchester klingen.

Gut hörbar und auf der Bühne sichtbar ist auch das Vokaloktett, das an Tischen mit Schreibtischlampen sitzend das Bühnengeschehen meist durch klanglich Flüstergrundierung kommentiert, aber auch durch syntaktische, madrigalhafte Zergliederungen dessen, was die Hauptprotagonisten vor allem Ophelia von sich gaben. Ein intelligentes dramaturgisches und musikalisches Mittel.

Natürlich gab es auch „To be or not to be“ als wiederkehrendes Memento, am Anfang als Halbsatz „or not to be“ und noch vieles mehr wie die sardonische Totengräberszene oder slapstickartig agierende und singenden Countertenöre, die Hamlet aushorchen sollen. Brett Dean und Matthew Jocelyn sind ausführlich, detailverliebt und lassen sich viel Zeit, so als ob sie sich in Polonius‘ Rede „I will be brief – „Ich fasse mich kurz“ und das Gegenteil tut, sich selbst ironisieren.

In Köln gab es nach dreieinhalb Stunden „nicht enden wollenden“ Premierenapplaus.

Premiere: 24.11.2019, noch bis 11.12.2019

Besetzung:
Hamlet: David Butt Philip
Ophelia: Gloria Rehm
Claudius: Andrew Schroeder
Gertrude: Dalia Schaechter
Polonius: John Heuzenroeder
Horatio: Wolfgang Stefan Schwaiger
Ghost, Gravedigger, Player 1: Joshua Bloom
Laertes: Dino Lüthy
Rosencrantz: Patrick Terry
Guildenstern: Cameron Shahbazi
Marcellus, Player 4: Sergey Kaydalov
Player 2: Ján Rusko
Player 3: Samuel Levine
Akkordeon: James Crabb

Semi-Chor: Rheinstimmen Ensemble
Chor der Oper Köln
Gürzenich-Orchester Köln

Musikalische Leitung: Duncan Ward
Inszenierung: Matthew Jocelyn
Bühne: Alain Lagarde
Kostüme: Astrid Janson
Licht: Christian Pinaud
Chor: Rustam Samedov
Dramaturgie: Georg Kehren

Stand: 25.11.2019, 12:25