Gaskrise: "Das Problem ist nur europäisch lösbar"

Stand: 26.07.2022, 12:30 Uhr

Noch fließt Gas durch die Pipelines - zumindest ein bisschen. Doch wie soll das knappe Gut in der EU verteilt werden, wenn Russland den Hahn zudreht?

Ein Totalausfall der russischen Gaslieferungen wird immer wahrscheinlicher. Spätestens seitdem Gazprom am Montag eine Reduzierung der Lieferungen über Nordstream 1 auf nur noch 20 Prozent der vereinbarten Menge angekündigt hat, müssen sich Deutschland und EU überlegen, wie der Mangel künftig verwaltet werden soll.

Nun soll zunächst ein Notfallplan der EU greifen: Dieser fordert von den Mitgliedsstaaten, den nationalen Konsum freiwillig um 15 Prozent zu senken und sich bei Engpässen solidarisch zu zeigen.

Kann das funktionieren? Und was braucht es noch? Fragen an Andreas Löschel, Umwelt- und Ressourcenökonom an der Ruhr-Universität Bochum.

Gas-Krise: "Energieproblem nur europäisch lösbar"

WDR 5 Morgenecho - Interview 26.07.2022 07:14 Min. Verfügbar bis 26.07.2023 WDR 5


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WDR: Die EU-Kommission beschwört die Solidarität innerhalb der EU. Aber heißt das nicht eher: Die anderen sollen Deutschland unterstützen?

Studiogast Andreas Löschel

Andreas Löschel

Andreas Löschel: Dieser Eindruck darf eben nicht entstehen. Das Problem ist nur europäisch lösbar. Wir brauchen die europäischen Speicher, wir brauchen das Flüssiggas, wir brauchen die Pipelines - und die Nachfrage-Reduktion. Aber aus Sicht vieler EU-Länder hat Deutschland eine besondere Verantwortung für die Misere. Deshalb müssen wir auch zeigen, dass wir vorangehen wollen.

WDR: Wie könnten wir das denn tun?

Löschel: Unser Gasverbrauch ist schon etwas zurückgegangen, aber das reicht bei weitem nicht aus. Wir haben Rechnungen, dass wir unseren Verbrauch um 30 Prozent reduzieren müssen. Dafür brauchen wir bessere Anreize für Haushalte und Industrie, mehr Kohleverstromung, einen gemeinsamen Einkauf und einen Preisdeckel gegenüber Russland.

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WDR: Auf welche Verteilungsszenarien in Europa sollten wir uns einstellen?

Löschel: Wir haben augenblicklich die Flüssiggas-Terminals voll im Betrieb im Nordwesten Europas - da kann nicht mehr kommen. Und wir haben die Pipelines voll ausgelastet. Das heißt: Wir müssen in Deutschland den Verbrauch runterbekommen. Und natürlich auch mehr Anstrengungen in die Erschließung der neuen LNG-Terminals investieren.

WDR: Das betrifft Deutschland. Aber wie können wir das auf eine europäische Ebene heben?

Löschel: Das hängt jeweils von dem Grad der Abhängigkeit vom russischen Gas ab. Es gibt einige Länder, die müssten eigentlich gar nichts machen: zum Beispiel Frankreich, das sehr gut abgesichert ist. Jetzt ist es wichtig, dass diese Länder uns tatsächlich unterstützen und wir im Gegenzug als Vorreiter vorangehen. Nur wenn alle etwas tun, auch die osteuropäischen Länder, wird das gelingen.

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WDR: Sollte der Gaseinkauf in Zukunft europäisch und gemeinsam geregelt werden?

Löschel: Ja, ich glaube, das wäre eine ganz wichtige Sache. Denn Russland reduziert seit Monaten die Lieferungen und treibt damit die Preise nach oben. Über den gemeinsamen Einkauf und auch, indem man eine ganz harten Preisdeckel einzieht. Ich glaube, es sind radikalere Schritte notwendig.

Das Interview führte Ulrike Römer.

Das Gespräch wurde für die Online-Version sprachlich bearbeitet und stark gekürzt.

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