NRW Gesundheitsämter: Kontaktverfolgung innerhalb 24 Stunden

Von Lena Sterz

Trotz der hohen Corona-Fallzahlen schaffen viele Gesundheitsämter in NRW eine schnelle Kontaktnachverfolgung, zeigt eine WDR-Umfrage. Dabei ist die Digitalisierung längst noch nicht abgeschlossen.

"Wir konnten heute innerhalb von einer Viertelstunde Kontakt mit einem positiven Fall aufnehmen," erzählt eine Mitarbeiterin eines NRW-Gesundheitsamtes anyonym. Ein echtes Erfolgserlebnis, das noch im Herbst undenkbar schien.

Die Kontaktnachverfolgung kann also zügig beginnen, obwohl das betroffene Gesundheitsamt derzeit mehr als 200 Fälle pro 100.000 Einwohner in einer Woche bearbeiten muss. Trotzdem gibt es noch Kollegen, die damit beschäftigt sind Faxe einzuscannen, erzählt sie.

Der WDR hat einen Großteil der 53 Gesundheitsämter in NRW befragt: Schaffen Sie aktuell eine zügige Nachverfolgung der Corona-Fälle? Wie ist Ihre digitale Ausstattung?

Schatten einer Frau | Bildquelle: WDR

Das überraschende Ergebnis: Obwohl einige Gesundheitsämter noch mit Faxen arbeiten, sagen sie, dass sie es trotzdem schaffen, zügig die Kontaktnachverfolgung aufzunehmen - auch Gesundheitsämter mit mehr als 200 Fällen pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen, etwa im Kreis Höxter, in Gelsenkirchen und im Oberbergischen Kreis.

Umfrage: Drei von 29 Gesundheitsämtern brauchen länger als einen Tag

Fast 90 Prozent der 29 Gesundheitsämter, die die WDR-Fragen beantwortet haben, geben an, dass sie die Kontaktverfolgung innerhalb von 24 Stunden oder sogar "ohne zeitlichen Verzug" schaffen - solange Infizierte die richtigen Kontaktdaten liefern. Nur drei der 29 befragten Gesundheitsämter geben an, dass sie zeitweise zwei oder drei Tage bräuchten.

Dennoch werde weiterhin das Inzidenzziel von 50 pro 100.000 angestrebt, bestätigte das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales dem WDR. Denn die Kontaktnachverfolgung bei den aktuell hohen Fallinzidenzen erfordere den Einsatz "aller in den Gesundheitsämtern vorhandenen Ressourcen und häufig die Mobilisierung zusätzlicher Kräfte aus den Verwaltungen und Unterstützung durch Externe, zum Beispiel der Bundeswehr". Diese "extreme Belastung" müsse schnelsstmöglich reduziert werden.

Quarantäne sorgt für Verzug in Bielefeld

Eine aktuelle Entwicklung gab es am Freitag in Bielefeld: Dort mussten nach WDR-Recherchen wegen eines positiven Corona-Falls zehn Beschäftigte in Quarantäne. Wegen eingeschränkter Arbeitsmöglichkeiten im Homeoffice kam es deswegen zu einem Verzug bei der Meldung der Fallzahlen. Bielefelds Oberbürgermeister Pit Clausen verspricht in einem Schreiben an NRW-Gesundheitsminister Laumann organisatorische Veränderungen, um ähnliche Situationen in Zukunft zu vermeiden.

Darauf reagierte das Landesgesundheitsministerium seinerseits schriftlich: Die Berichte aus Bielefeld könnten das Problem nur teilweise nachvollziehbar erklären. Die Meldeprobleme seien nicht akzeptabel. Das Ministerium ordnete für Bielefeld eine mindestens 14-tägige Meldeüberwachung durch das Landeszentrum Gesundheit an.

Ein Grund für die im Schnitt schnellere Verfolgung ist, dass die meisten Infizierten wegen des Lockdowns zur Zeit nur wenige Kontakte haben. Aber: Wenn die Arbeit komplett digital laufen könnte, wäre die Kontaktnachverfolgung auch bei mehr Kontakten schneller möglich.

In Afrika längst im Einsatz: Ein Programm zur Kontaktnachverfolgung

Der Knackpunkt, sagen viele, ist ein Programm mit dem Namen SORMAS. Es wurde vor Jahren für die Ebola-Epidemie in Afrika entwickelt und das Robert Koch-Institut stellt es kostenfrei zur Verfügung. In NRW nutzen das Programm jedoch nur wenige Gesundheitsämter, viele haben längst andere Programme eingeführt und wollen jetzt nicht mehr umstellen.

Auch das Ministerium gab zu, dass "eine Softwareumstellung im laufenden Pandemiebetrieb schwierig ist und die Ressourcen der Gesundheitsämter aufgrund des aktuellen Infektionsgeschehens begrenzt sind". Allerdings sei die Landesregierung davon überzeugt, dass das Programm die Chance bietet, die Gesundheitsämter bei ihrer Arbeit zu entlasten. Daher setzt sie sich weiter für einen flächendeckenden Einsatz ein.

Der Gesundheitsdezernent der Städteregion Aachen, Michael Ziemons, sieht in den unterschiedlichen Programmen kein Problem. Er sagt: Das wichtigste sei nun, dass mit Hochdruck an einer Schnittstelle gearbeitet werde, damit die verschiedenen Programme miteinander kommunizieren können.

Welche Fallzahl ist für die Gesundheitsämter machbar?

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat immer wieder gesagt: "Die Kontaktnachverfolgung von sehr viel mehr als 50 Infizierten pro 100.000 Einwohner können Gesundheitsämter nicht schaffen." In NRW sieht es derzeit so aus, als könne das doch gelingen.