"100 Euro pro Kind sind keine Lösung" - Kinderarzt über Corona-"Aufholprogramm" der Bundesregierung

Kinder leiden besonders unter der Pandemie. Die Bundesregierung hat nun ein Corona-Aufholprogramm auf den Weg gebracht. Gut, aber nicht gut genug, meint ein Kinder- und Jugendarzt aus Südwestfalen.

Zwei Milliarden Euro - damit will die Bundesregierung die Folgen der Pandemie für Kinder und Jugendliche abmildern. Eine Hälfte ist gedacht für Nachhilfe- und Förderangebote, mit der zweiten Milliarde sollen soziale Programme aufgestockt, etwa die Schulsozialarbeit.

Der Kinder- und Jugendmediziner Michael Achenbach | Bildquelle: von privat

Michael Achenbach ist Kinder und Jugendmediziner in Plettenberg in Südwestfalen und Regionalsprecher beim Berufsverband der Kinder- Und Jugendmediziner. Er meint, das kann nur ein Anfang sein: "Im ersten Moment klingt das richtig viel, wenn man diese Zahl einfach so hört, ob sie reichen wird? Das wird sich zeigen, weil die Aufgaben nämlich auch gewaltig sind. Also ich glaube, da wird am Ende nochmal nachgelegt werden müssen."

Reichen zwei Milliarden Euro?

Der Mediziner meint, die Probleme seien vielschichtig: "Da geht es nicht nur ums Lernen, den Fokus nur auf das Aufholen von Lernrückständen zu legen, das geht eindeutig zu kurz." Er habe letzte Woche ein Kind gesehen, das in der Pandemie 35 Kilo zugenommen hat. "Da braucht man ganz intensive Maßnahmen, sowohl im pädagogischen Bereich, was den Vereinssport betrifft, als auch im medizinischen Bereich, was etwa Reha-Maßnahmen betrifft."

Jugendliche mit depressiven Störungen

Daneben müsse man auch die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen noch stärker in den Blick nehmen. "Ich sehe Jugendliche mit ausgeprägten depressiven Reaktionen bis hin zu suizidalen Gedanken."

Das neue Corona-Aufholprogramm sieht unter anderem vor, dass die Bundesländer in den Sommerferien Sommercamps und Lernwerkstätten durchführen.

Sommercamps sind kein Abenteuerurlaub

Sommercamp, das klinge zwar nach spannendem Abenteuerurlaub, meint Achenbach, aber: einem Grundschüler das zuzumuten, hält er für schwierig.

"Vor allem, wenn es mit Übernachtung außerhalb der Familie verbunden ist. Also wenn ich an meine Grundschulzeit denke, dann war das Highlight ein Ausflug mit einer Übernachtung und das fiel manchen meiner damaligen Mitschüler schon schwer, solange außer Haus zu sein." Man brauche vielmehr individuelle Lösungen für jedes Kind.

Familien werden alleingelassen

Teil des neuen Aufholprogramms ist auch eine Einmalzahlung von 100 Euro für Kinder aus einkommensschwachen Familien. Achenbach meint: "Ich glaube, das ist eine nette Geste, den Familien gegenüber zu sagen 'Ihr wart so belastet, das wollen wir ein bisschen anerkennen.' Aber eine Lösung ist das nicht. Jetzt zu sagen: 'Hier liebe Familie wir drücken euch Geld in die Hand. Kümmert euch selber darum, das Problem zu lösen, das ist ein Alleinlassen von Familien.'"

Man müsse bedenken, dass Kinder und Jugendliche massiv in Vorleistung getreten seien, indem sie in der Pandemie zurückgesteckt hätten, sagt der Kinderarzt aus Südwestfalen.