"Gott will dir seine besondere Gnade schenken" - Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche

Stand: 15.11.2022, 06:00 Uhr

Gertrud Rehm trat mit 20 Jahren in einen Orden im Münsterland ein. Kurz darauf begannen die Annäherungsversuche eines Paters, der auch ihr Beichtvater war. Ein Fall von Manipulation und Machtmissbrauch in der katholischen Kirche.

Von Heike Zafar

Es ist jetzt etwas mehr als 50 Jahre her, dass Gertrud Rehm sich entschied, ihr Leben Gott in einem Kloster und in Keuschheit zu widmen. Sie trat in den Orden der Missionsschwestern vom heiligsten Herzen Jesu in Münster-Hiltrup ein. Umso verwirrter war sie, als ihr ausgerechnet ein Pater bei Exerzitien, also religiösen Übungen, näher kam.

"Er hat mich gelobt, ich wäre Gott so nahe, so eine spirituelle Frau. Und dann hat er mich in den Arm genommen und sich ganz eng an mich gezogen und gesagt: 'Ich will dich lieben, weil du das brauchst. Gott will dir damit seine besondere Gnade schenken, das ist sein Wille, das ist ganz sauber, ganz rein, aber das darf niemand wissen, das bleibt unsere Geheimnis.'" Gertrud Rehm

Missbrauchtes Vertrauen

Gertrud Rehm, jetzt

Gertrud Rehm

Gertrud Rehm, die damals Schwester Domenica hieß, geriet in einen Zwiespalt der Gefühle. Pater Alfons K., Ordensbruder der Hünfelder Oblaten, war ein großer, stattlicher Mann und für die Schwestern der Hiltruper Missionarinnen eine geistliche Autorität. "Und dessen war er sich bewusst", sagt Gertrud Rehm heute. Immer wieder habe sie ihn getroffen, und immer wieder habe er ihre besondere Nähe verklärt und ihr Vertrauen missbraucht.

Typischer Fall für spirituellen Missbrauch

Es ist "ein typischer Fall für spirituellen Missbrauch und das Ausnutzen geistlicher Macht“, schätzt Professor Thomas Schüller, Kirchenrechtler an der Uni Münster, den Fall ein.

Spiritueller Missbrauch

Beim spirituellen Missbrauch in einem geistlichen Umfeld (egal welcher Religion oder welchen Glaubens) nutzen die Täter ihre religiös/geistlich begründete Autorität, also in der Regel auch ihre Machtposition zur Erfüllung eigener Interessen und Bedürfnisse aus. Oft sind es Menschen mit positiver Ausstrahlung und großem persönlichem Charisma. Sie erzeugen bei ihrem Gegenüber das Gefühl, ausgewählt und etwas Besonderes oder aber besonders schwach und hilflos zu sein. Die Betroffenen werden dadurch manipuliert, in eine Abhängigkeit getrieben und in ihren Grundwerten so erschüttert, dass sie oft in ihrer eigenen Meinung stark verunsichert sind. Die Folgen des spirituellen Missbrauchs sind meist schwer, die Betroffenen  stehen nicht selten vor den Ruinen ihres Weltbildes .

"Das ist die katholische Schizophrenie, dass man nach außen einen frommen und radikalen Eindruck vermittelt, aber gleichzeitig Mensch bleibt mit seinen Schwächen. Diese dann aber geistig erhöht, wenn man die Macht über einen Menschen hat". Prof. Thomas Schüller
Überflug über Kloster Mariengarden der Oblaten in Borken Burlo

Kloster Mariengarden der Oblaten in Borken Burlo

Pater Alfons K. behielt bis zu seinem Tod im Jahr 2011 seine geistliche Macht über Gertrud Rehm. Denn obwohl sie nach 17 Jahren aus dem Orden ausgetreten und inzwischen sogar kurzzeitig mit einem anderen Mann verheiratet war, riss der Kontakt nicht ab. Immer wieder besuchte er sie, übernachtete bei ihr, tat so, als sei es eine feste Beziehung. Ihre Hoffnung, dass er wie sie aus seinem Orden austreten und dann offen zu ihr stehen würde, erfüllte sich aber nicht. Gertrud Rehm wurde immer wieder enttäuscht.

Orden: "Erfahrungen missbräuchlicher Beziehungen"

Die Hünfelder Oblaten, der Orden von Pater K., kannte seine Beziehung zu der ehemaligen Nonne. Gegenüber dem WDR lehnt der Ordensobere aber jegliche Stellungnahme ab.

Auch die Hiltruper Missionarinnen möchten zum Fall Gertrud Rehm kein Interview geben. Provinzleiterin Schwester Mechthild drückt in einem Schreiben an den WDR ihr Bedauern aus und räumt schriftlich ein:

"In unserer Ordensgemeinschaft haben wir Erfahrungen missbräuchlicher Beziehungen, die vor allem auf unzulängliche menschliche Reife und/oder Überforderung im beruflichen Feld zurückzuführen sind." Schwester Mechthild

Enttäuschung und Trauer bis heute

Gertrud Rehm hat in diesem Sommer von ihrem ehemaligen Orden 20.000 Euro bekommen. Die Enttäuschung und Trauer über die Beziehung zu Pater Alfons K. hat sie aber bis heute nicht überwunden.

"Er hat mich ausgenutzt. Ich konnte nicht mehr glauben, dass Gott das zulässt, dass Menschen, die ihr Leben auf Gott gebaut haben, die das dann verkünden und Exerzitien geben, dass die dann so handeln und einfach platt lügen." Gertrud Rehm

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