Muslimische Gemeinde nach NSU 2.0-Drohbrief in Angst

Stand: 29.04.2022, 20:01 Uhr

Nach dem Drohbrief an eine Dortmunder Moscheegemeinde hat die Polizei eine erste Spur. Das Schreiben war mit Hakenkreuzen und dem Kürzel "NSU 2.0" unterzeichnet.

Das menschenverachtende Schreiben lag vor zwei Wochen im Briefkasten der Dortmunder Sultan Ahmet Moscheegemeinde. Mehrere Zettel waren in dem Briefumschlag, den der oder die unbekannten Täter mit der Post geschickt hatten. Die Moscheegemeinde steht seitdem unter Polizeischutz.

Auf einem der Zettel steht: "Wir kommen nochmal. Wir machen eure Moschee kaputt. Wir pissen auf eure Teppiche. Der Deutsche wird es euch zeigen." Auf weiteren Zetteln sind Hakenkreuze zu sehen, zwei Facebook-Profile, ein Foto von einem Schwein und das Kürzel "NSU 2.0". Mit dem Kürzel beziehen sich die Täter auf die rechtsextremistische Terrorgruppe NSU, die insgesamt zehn Menschen ermordet hat.

Gemeindemitglieder haben Angst

Kaplan Çetin sitzt in einem Raum der Gemeinde

Kaplan Çetin ist seit 30 Jahren Gemeindemitglied in der Sultan Ahmet Moschee. Die Angst vor rechtem Terror sei hier jetzt groß, sagt der Mann und schaut dabei sorgenvoll: "Wenn wir Hakenkreuze und NSU sehen, geht unser erster Gedanke an unsere Kinder. Was passiert als nächstes? Gibt es einen Brandanschlag? Werden wir umgebracht oder passiert irgendetwas auf der Straße?"

Nur wenige Gläubige sind zum Freitagsgebet gekommen

Der Dortmunder Landtagsabgeordnete Volkan Baran (SPD) hat die Bedrohung der Gemeinde öffentlich gemacht. Der Drohbrief sei ein klares Bekenntnis zu rechtsextremem Terror. Er ist wütend und versucht zu helfen, seit zwei Wochen ist er ständig mit der Moscheegemeinde im Kontakt: "Diese Menschen haben Angst, die Kinder haben Angst, aber sie können auch nirgendwo anders hin, sie sind ein Teil dieser Gesellschaft. Die leben seit 60 Jahren hier, sind hier verankert, hier verwurzelt, sind hier zu Hause."

Bereits mehrere Vorfälle in Dortmund

Der Frust bei Dortmunds Muslimen ist riesengroß. Erst vor zwei Monaten hatten Unbekannte ein Hakenkreuz an dieselbe Moschee geschmiert, die jetzt den Drohbrief bekommen hat. Im Dezember ist vor einer anderen Moschee ein Schweinekopf ans Tor gehängt worden. Für gläubige Muslime eine unerträgliche Beleidigung.

Spur der Ermittler führt nach Hessen

In Frankfurt sitzt zurzeit ein Mann vor Gericht, der für dutzende Drohmails mit dem Kürzel "NSU 2.0" verantwortlich sein soll. Als Einzeltäter. Die Ermittler sehen zwar noch kein Netzwerk, sie haben aber einen Ansatz, berichtet Gunnar Wortmann, Pressesprecher der Dortmunder Polizei: "Es gab in Hessen letztes Jahr einen gleichgelagerten Fall, da führten die Ermittlungen nach Osnabrück zu bestimmten Personen. Das könnte hier auch der Fall sein, es gibt zumindest Verbindungen dazu. Diesbezüglich steht unser Staatsschutz auch in Verbindung mit den Kollegen in Hessen, um da weitere Erkenntnisse zu erlangen." Nach WDR-Informationen soll es sich im hessischen Fall um einen sehr ähnlichen Drohbrief handeln, wie ihn jetzt die Dortmunder Moscheegemeinde im Briefkasten hatte.   

NRW baut Meldestellen für Rassismus auf

Das nordrheinwestfälische Ministerium für Integration nimmt den Vorfall sehr ernst und schreibt auf WDR-Anfrage, dass der Drohbrief eines deutlich mache: "Es gibt eine Dimension der Ausgrenzung und des Hasses, die für viele Menschen in unserem Land tagtäglich spürbar ist, die von der Gesellschaft allgemein aber kaum wahrgenommen wird." Politik und Gesellschaft müssten sich diesem Hass entschieden entgegenstellen, so das Ministerium, das im Sommer damit beginnen wird, ein bundesweit koordiniertes System von Meldestellen gegen Rassismus aufzubauen, auch eine Anlaufstellen für antimuslimischen Rassismus. Ziel der Meldestellen ist es, Betroffenen niedrigschwellig die Möglichkeit zu bieten, Vorfälle auch unterhalb der Strafbarkeitsgrenze zu melden und dokumentieren zu lassen.

Über dieses Thema haben wir am 29.04.2022 im WDR Fernsehen berichtet, in der WDR Lokalzeit aus Dortmund.