Doch über 200 Anzeigen kurz nach Kölner Silvesternacht

 In der Silvesternacht waren am Kölner Hauptbahnhof Frauen sexuell belästigt und augeraubt worden

Doch über 200 Anzeigen kurz nach Kölner Silvesternacht

Von Christian Wolf

Bislang hieß es immer: Das Ausmaß der Übergriffe an Silvester in Köln sei erst später erkennbar gewesen. Ein Experte hat sich alle Anzeigen angeschaut und kommt zu einem anderen Ergebnis. Auch die Arbeit der Polizei kritisiert er scharf.

Bei der Aufarbeitung der Kölner Silvesternacht dreht sich Vieles um die Frage, wann die Landesregierung das Ausmaß der massenhaften Übergriffe erkannt hat. Deren Verteidigungslinie bislang: Erst Tage später, ab dem 4. Januar, sei die Dimension klar geworden, als auch die Zahl der Anzeigen sprunghaft zugenommen habe. Diese Argumentation lässt sich mittlerweile nur noch schwer aufrechterhalten. Denn schon am Neujahrstag lagen viele Anzeigen bei der Polizei vor.

Der Kriminologe und Psychologe Rudolf Egg

Rudolf Egg hat sich mit der Kölner Silvesternacht beschäftigt

Der Untersuchungsausschuss des Düsseldorfer Landtages hatte den Rechtspsychologen Rudolf Egg damit beauftragt, anhand der Anzeigen ein Gutachten zu erstellen. Egg hat das Papier am Montag (24.10.2016) im Ausschuss vorgestellt. Eine der Überraschungen: Bereits am Neujahrstag lagen 227 Anzeigen wegen Sexual- oder Eigentumsdelikten vor, 119 davon schon unmittelbar nach der Tat in der Nacht. Angesprochen auf die Argumentation der Landesregierung sagte der Experte: "Das hat mich auch überrascht. Die Zahlen sprechen dagegen." Unklar ist bislang aber noch, wie sich die Anzeigen auf die Delikte verteilen und bei welcher Polizeidienststelle sie gestellt wurden - ob in Köln oder in anderen Städten.

"Hier ist Ausnahmezustand"

Die sonst so sachliche Atmosphäre des Untersuchungsausschusses wurde an diesem Tag für einige Minuten von zum Teil dramatischen Tonaufnahmen aus der Silvesternacht überschattet. Die CDU ließ Mitschnitte aus der Notrufzentrale der Polizei abspielen. Männer und Frauen berichten im Abstand weniger Minuten von einer ausufernden gefährlichen Gemengelage zwischen Hauptbahnhof und Dom. "Die schießen Böller aufeinander - auch auf Mütter mit Kinderwagen", ruft eine Anruferin ins Telefon. "Wir wurden von ganz vielen angegrapscht. Das ist wirklich sehr grenzwertig und gefährlich. Da stehen Polizisten, aber die machen gar nichts." Ähnliche Anrufe gehen zuhauf ein. "Hier ist Ausnahmezustand", meldet ein weiterer Anrufer vom Hauptbahnhof. Polizei sei nicht vor Ort. Die Antworten der Polizisten am anderen Ende klingen nüchtern bis gelangweilt: "Okay", sagt einer, "Wissen wir Bescheid", merkt ein anderer an. Empathie und prompte Hilfe hören sich anders an.

Die Silvesternacht - Der Untersuchungsausschuss

Der Untersuchungsausschuss hat sich mit dem Gutachten eines Rechtspsychologen beschäftigt

Rechtspsychologe Egg kommt zu einer klaren Beurteilung: "Man hat die Situation offenbar falsch eingeschätzt. (...) So richtig ernst genommen wurden die Anrufe nicht." Schon nach den ersten Zeugenaussagen über Böller- und Raketenabschüsse auf Menschen hätte entschieden reagiert werden müssen. "Hier wäre eine Nulltoleranzstrategie besser gewesen als eine Deeskalationsstrategie." Schon um 21.00 Uhr hätte klar sein müssen, was sich rund um den Hauptbahnhof abspielt und spätestens da hätte sich die Polizei "massive Verstärkung" holen müssen, so der Experte. Da aber nichts passiert sei und unmittelbar vor Ort niemand eingegriffen habe, sei unter den Tätern der Eindruck entstanden, sich in einem "rechtsfreien Raum" zu bewegen. Dadurch sei "eine Art Jagdstimmung" entstanden.

Dem Eindruck, dass es sich bei den Opfern der sexuellen Übergriffe ausschließlich um junge, deutsche Frauen handelte, widersprach der Experte. Stattdessen stammten "viele Opfer" aus demselben "Herkunftsbereich" der Täter. Ein höherer Organisationsgrad mit Anführern und festen Gefolgsleuten lasse sich außerdem nicht erkennen. Egg hatte 1.022 Strafanzeigen der Opfer ausgewertet. Bei den Tatverdächtigen soll es sich demnach um mehrere Hundert Männer mutmaßlich nordafrikanisch-arabischer Herkunft handeln.

Eine ausführliche Analyse des Gutachtens finden Sie hier:

Stand: 24.10.2016, 18:36