Kiesgrube in Erftstadt-Blessem, neben der sich bei der Hochwasserkatastrophe im Juli 2021 ein Krater gebildet hatte.

Ein Jahr nach der Flut: Wiederaufbau an der Abbruchkante in Erftstadt-Blessem

Stand: 14.07.2022, 16:53 Uhr

In Erftstadt-Blessem wurde bei der Flutkatastrophe im vergangenen Jahr die Kiesgrube geflutet, die Erde rutschte bis an den Ortsrand weg und ließ mehrere Häuser einstürzen. Die Menschen, die an der Abbruchkante leben, begleiten die Erlebnisse bis heute.

Von Sabine Büttner

Ein ereignisreiches Jahr liegt hinter ihnen: Die erste Rückkehr ins Haus nach der Flut, das Aufräumen, die Sanierungsarbeiten. Inzwischen sind Maria und Ulrich Dunkel aus Erftstadt-Blessem auf der Zielgeraden: Der Keller ist saniert, Heizung und Stromanlage ausgetauscht, im Erdgeschoss sind Wände und Böden erneuert. Das Haus steht nur wenige Meter von der Abbruchkante des Kraters entfernt, wurde beim Hochwasser bis ins Erdgeschoss überschwemmt. Maria Dunkel kann kaum glauben, was in den vergangenen zwölf Monaten alles passiert ist: "Gestern Abend haben wir draußen auf dem Balkon gesessen und darüber gesprochen, was wir in diesem Jahr geleistet haben. Was machen wir eigentlich, wenn wir das nicht mehr haben?"

Jeder Regen ist eine Nervenprobe

Der Wiederaufbau ist kräftezehrend. Doch auch wenn im Haus bald alles fertig sein soll: Die Erlebnisse der Flut bleiben im Gedächtnis. Bei jedem Regen geht der Blick aus dem Fenster in Richtung Krater. Dort war bei der Flut ausgehend von der Blessemer Kiesgrube die Erde weggesackt, mehrere Häuser stürzten ein. Das Bild hat sich eingebrannt, sagt Ulrich Dunkel: "Die Angst ist da, da müssen wir mit leben." Der 74-Jährige hat mittlerweile nicht nur bei Regen Angst – auch Erschütterungen durch die Bauarbeiten machen ihm Sorge. Die Luft bleibt weg, er wird unruhig.

Wiederaufbau am Krater soll bis zu zehn Jahre dauern

Waltraud und Günter Groten zeigen auf Bildern, wie es nach der Flut bei ihnen aussah

Waltraud und Günter Groten zeigen auf Bildern, wie es nach der Flut bei ihnen aussah

Noch Jahre werden die Arbeiten am Krater die Anwohner begleiten. Hier soll eine Auenlandschaft entstehen, als Überflutungsfläche für die Erft. Unzählige LKW-Fahrten sind nötig, um das Material für die Verfüllung ranzuschaffen. Die Planer gehen davon aus, dass die Umgestaltung des Geländes in Erftstadt-Blessem bis zu zehn Jahre dauern wird.

Waltraud und Günter Groten leben direkt an der Abbruchkante, fast ihr gesamter Garten rutsche damals in den Krater. Auch sie haben im Haus den größten Teil der Sanierung geschafft. Möglich war das nur dank der vielen Freiwilligen, die geholfen haben. Außerdem haben die Grotens Spendengelder über die Stadt Erftstadt bekommen und Geld aus dem Wiederaufbaufonds des Landes NRW.

"Ohne Hilfe hätten wir das nicht stemmen können"

Ihr Gesamtschaden lag bei mehr als 100.000 Euro, erzählt Günter Groten. Er hat das Haus vor mehr als 50 Jahren selbst gebaut, hatte nun monatelang Handwerker da, um es nach der Flut wieder aufzubauen: "Die Preise, die ich jetzt erfahren habe anhand von Rechnungen – Wahnsinn!". Sie selbst hätten das nicht stemmen können, sagt der 80-Jährige. Die Beantragung der Hilfsgelder vom Land hat sie allerdings Zeit und Nerven gekostet. Erst gut drei Monate, nachdem sie den Antrag gestellt hatten, kam erstmals Geld bei ihnen an. Mittlerweile klappt es aber besser, sagen die Grotens.

Ein Jahr nach der Flut - Erftstadt Blessem

Die Ehepaare Dunkel und Groten vor dem Krater in Erftstadt-Blessem

Maria und Ulrich Dunkel haben das Ziel, zum 1. September mit allen Arbeiten fertig zu sein – und dann etwas zur Ruhe zu kommen: "Man versucht langsam, an sich selber zu denken: Dieses oder jenes möchte ich alles mal wieder haben, weil das alles zu kurz gekommen ist in diesem Jahr", erzählt Maria Dunkel. Ausflüge wollen die beiden machen, mal auf andere Gedanken kommen – damit die Flutkatastrophe zumindest für einige Zeit etwas in den Hintergrund rückt.