Organspende: dringend Spender gesucht

03:02 Min. Verfügbar bis 28.03.2026

Organspende: Laumann für Widerspruchslösung

Stand: 28.03.2024, 16:42 Uhr

Die Zahl der Organspender ist in Deutschland weiterhin niedrig. NRW-Gesundheitsminister Laumann wirbt deshalb für die Widerspruchslösung - und kündigt eine Gesetzesinitiative für den Bundestag an.

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"Wie kann es sein, dass wir uns mit der Organspende so schwertun?" NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hat am Donnerstag erneut auf das Thema Organspende aufmerksam gemacht - und dabei einen Gesetzentwurf zur sogenannten Widerspruchslösung angekündigt. Dieser soll über den Bundesrat, dem Zusammenschluss der Länder in Berlin, in den Bundestag eingebracht werden.

Organe und Gewebe dürfen in Deutschland nach dem Tod nur entnommen werden, wenn die verstorbene Person dem zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hat. Liegt keine Entscheidung vor, müssen die Angehörigen darüber entscheiden. Laumann will das - ebenso wie Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) - ändern. Bei der Widerspruchslösung wären alle Bundesbürger potenzielle Organspender, außer sie haben ausdrücklich widersprochen.

Bundestag könnte im Herbst entscheiden

Karl-Josef Laumann (CDU)

Laumann wirbt für Widerspruchslösung

"Ich muss als Staat das Recht haben, den Bürgern zu sagen: Ihr müsst es entscheiden", erklärte Laumann am Donnerstag. "Aber klar ist dann auch, dass jede Entscheidung nicht diskutiert wird und einfach zu akzeptieren ist." Da sich der aktuelle Bundestag mit einer Widerspruchslösung noch nicht beschäftigt hat, sieht Laumann durchaus Chancen für eine Umsetzung. Der Bundesrat soll sich am 14. Juni mit der Initiative aus NRW beschäftigen und dann als Gesetzentwurf in den Bundestag einbringen. Der könne laut Laumann dann im Herbst darüber entscheiden.

166 Organspender in NRW

In NRW warten derzeit 1.800 Schwerstkranke auf ein Spenderorgan, bundesweit sind es rund 8.400 Patientinnen und Patienten. Dabei lag die Zahl der Organspenden im Jahr 2023 gerade einmal bei 2.985 bundesweit. In NRW wurden im vergangenen Jahr 503 Organe gespendet.

Die Zahl der Spender ist noch einmal deutlich niedriger, da ein Spender mehrere Organe spenden kann. Im vergangenen Jahr gab es bundesweit 965 Spender, in NRW waren es 166. In den ersten beiden Monaten 2024 wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums in NRW 89 Organe von 32 Personen gespendet.

Kampagne #NRWEntscheidetSich gestartet

Damit sich noch mehr Menschen mit dem Thema Organspende befassen, stellte Laumann am Donnerstag auch die Kamapgne "#NRWEntscheidetSich" vor. Das Land hofft so, zu einer erhöhten Spendenbereitschaft beizutragen. Die Kampagne ist die Ausweitung des Pilotprojekts "#RuhrEntscheidetSich", das nach Angaben der Initiatoren seit einigen Monaten sehr erfolgreich im Ruhrgebiet läuft.

Dabei gehe es nicht "um Bekehrung und es geht auch nicht um Druck oder Zwang", erläuterte Professor Jochen Werner, Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Essen bei der Vorstellung der Kampagne. "Es geht darum, die Menschen zu ermutigen und zu befähigen, sich fundiert mit dem Thema Organspende zu befassen und ihre wirklich persönliche Entscheidung zu treffen."

Organspende-Initiative in NRW

WDR 5 Mittagsecho 28.03.2024 15:16 Min. Verfügbar bis 28.03.2025 WDR 5


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Die meisten Organspender wurden nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) im vergangenen Jahr in Kliniken in Essen, Köln und Düsseldorf behandelt.

Organspende-Register mit Widerspruch-Möglichkeit

Auf dem Weg zur Widerspruchslösung soll auch das neue Organspende-Register helfen, das Mitte März online gegangen ist. Dort kann jeder eintragen, ob er Organe nach dem Tod spenden will oder nicht. Das Register sei "eine gute Lösung, um auch Widerspruch zu dokumentieren", so Gesundheitsminister Lauterbach. Es sieht darin aber eher eine "digitale Möglichkeit des Spenderausweises". Die Spendenbereitschaft werde dadurch wohl kaum erhöht: "Ich erwarte nicht eine wesentliche Veränderung, was die Organspendeentnahmen in den nächsten Jahren angeht. Da fehlt mir der Glaube dran", so Laumann.

Dirk Schedler, Transplantationsbeauftragter der Uniklinik Köln

Schedler: Viele auf Warteliste für Nierentransplantation

In Deutschland wurden letztes Jahr 8.725 Spenderorgane benötigt. "Die meiste Anzahl der auf der Warteliste befindlichen Patienten sind auf der Warteliste für eine Nierentransplantation", weiß Dirk Schedler, Transplantationsbeauftragter der Uniklinik Köln. "Aber häufig sind gerade die Herz-, Lungen- und Leberzutransplantierenden besonders schwer erkrankt und brauchen besonders dringend und schnell ein Spenderorgan."

RWI: Widerspruchslösung keine Lösung

Ob eine Widerspruchslösung zu mehr Organspenden führt, ist offenbar unklar. Das RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung verwies am Dienstag auf zwei neuere wissenschaftliche Studien, die zeigen sollen, dass das Problem nicht durch eine Widerspruchslösung behoben werden könne. "Diese erhöht zwar die Anzahl der potenziellen Organspender, nicht aber die Anzahl der tatsächlichen Spender", so dass RWI. Das Problem läge nicht in der Anzahl von potenziellen, sondern von tatsächlichen Spenderinnen und Spendern. Nötig wären demnach "strukturelle Reformen, die es ermöglichen, potenzielle Spender auch in tatsächliche Spender umzusetzen."

"Im Vergleich zu anderen Ländern mit einer Widerspruchslösung wie etwa Spanien, wo jemand 1,5 Jahre auf eine Niere wartet, wartet man in Deutschland im Schnitt acht Jahre", betont hingegen Dirk Schedler von der Uniklinik Köln. Während der Wartezeit würden die Patienten häufig dann zu krank, um die Transplantation überstehen zu können. "Und so versterben knapp die Hälfte aller Patientinnen und Patienten während der Wartezeit auf der Liste", berichtet der Mediziner.